Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Wenn einer eine Reise tut

Predigt zu 1. Mose 37.

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.“ So schrieb es der deutsche Dichter Matthias Claudius 1796. Auf der Hitliste von Jugendlichen und Erwachsenen stehen oft drei Wünsche. Man will etwas von der weiten Welt sehen und erotische Abenteuer erleben. Dazu braucht man eine ansprechende Stellung. Befriedigung in der Welt der Freizeit wechselt sich mit Befriedigung in der Welt der Arbeit ab.

Josef erlebte alle drei Dinge: Er unternahm eine weite Reise, er bekleidete anspruchsvolle Positionen und er bekam das Angebot einer attraktiven Frau zu einem Liebesabenteuer. In diesem Beitrag stelle ich euch Josef in drei Schritten vor: Zuerst finden blicken wir in das Leben von Josef, ziehen Parallelen zu Jesus und dann zu uns.

Josef: Ein Portrait

Zuerst interessiert uns, wann der Mann Josef gelebt hat. Von heute aus gesehen gehen wir erst einmal 2000 Jahre zu Jesus zurück und von dort aus nochmals einmal so lange, also etwa in die Zeit um 1800 v. Chr. Wo befinden wir uns? Der Anfang der Geschichte spielt sich in Palästina ab. Damals war dieses Land von verschiedenen Volksstämmen besiedelt. Die Nachkommen Abrahams hielten sich in vierter Generation als Nomaden und Ausländer unter den Einheimischen auf.

Das bedeutete, dass Josef in einem Zelt lebte. Immer dann, wenn die Herden den Weidegrund abgefressen hatten, zog die Sippe mit einem grossen Gesinde, zu denen wohl mehrere hundert Knechte und Mägde gehörten (vgl. 1. Mose 14,14) und den vielen Tieren – Eseln, Kamelen, Ziegen und Schafen – weiter. In einer Stelle wird erwähnt, dass Vater Jakob Hütten für das Vieh errichtete und ein Haus baute, was darauf hindeutet, dass die Familie sich zwischendurch niederliess (1. Mose 33,17). Die Söhne Jakobs waren mit den Herden offenbar nicht immer zu Hause (vgl. 1. Mose 37,13).

Josef lebte nicht als Einzelkind mit einem eigenen Fernseher in einem eigenen Zimmer in einer Überbauung wie wir städtisch geprägten Menschen im Europa des 21. Jahrhunderts. Sein Leben spielte sich mitten in einer Grossfamilie mit zahlreichem Gesinde ab. Sein Vater Jakob hatte zwei Hauptfrauen, wobei die ältere Lea äusserlich viel weniger attraktiver war als ihre jüngere Schwester Rahel. Rahel war die Lieblingsfrau von Vater Jakob. Gewesen, muss man hinzufügen. Zwischen den beiden Frauen entbrannte nach der Hochzeit ein erbitterter Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit Jakobs und um Nachkommen (1. Mose 29,31ff). Lea gebar insgesamt sechs Kinder, Rahel blieb lange kinderlos. Um die eigenen Chancen zu erhöhen, gaben die beiden Frauen ihre persönlichen Mägde ihrem Mann Jakob als Nebenfrauen. Bereits Grossvater Abraham hatte dies getan (1. Mose 16); es entsprach damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Josef war der elfte von zwölf Söhnen (1Mose 30,23f). Zudem war er der erste Sohn von Jakobs Lieblingsfrau Rahel und der „Sohn des Alters“ von Jakob (1. Mose 37,3). Das heisst, seine Brüder waren wesentlich älter als er. Seine Mutter starb bei der Geburt des jüngsten Bruder Benjamin (1. Mose 35,16-21). Jakob vermisste seine Lieblingsfrau und begann Josef massiv zu bevorzugen. Das Gewand, das er trug, war kein Modeartikel, sondern brachte – so darf man vermuten – zum Ausdruck, dass Josef erblich bevorzugt werden sollte. Josef stand seinem Vater sehr nahe und informierte den alternden Mann über die Vorkommnisse in der Sippe. Das bewirkte, so steht es dreimal geschrieben, Eifersucht und Hass seiner Brüder (1. Mose 37,4+5+11). Lesen wir den Beginn der Geschichte (1. Mose 37,1-5):

Jakob aber wohnte in dem Land, in dem sein Vater ein Fremdling war, im Land Kanaan. Dies ist die Geschichte Jakobs: Joseph war 17 Jahre alt, als er mit seinen Brüdern das Vieh hütete, und er war als Knabe bei den Söhnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters; und Joseph brachte vor ihren Vater, was man ihnen Schlimmes nachsagte. Israel aber hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er ihn in seinem Alter bekommen hatte; und er hatte ihm einen bunten Leibrock machen lassen. Als nun seine Brüder sahen, daß ihr Vater ihn lieber hatte als alle seine Brüder, haßten sie ihn und wollten ihn nicht mehr mit dem Friedensgruß grüßen. Joseph aber hatte einen Traum und verkündete ihn seinen Brüdern; da haßten sie ihn noch mehr.

Mit der Brille der modernen Psychologie auf der Nase ist man schnell geneigt, in Josef einen verwöhnten, unerzogenen und Tratsch-süchtigen Liebling eines alternden, reichen Daddys zu sehen. Werfen wir nochmals einen Blick in die Geschichte der Sippe. Jakob war die Führung seines Clans anscheinend weitgehend entglitten. Josef wuchs bei den beiden Nebenfrauen auf. Das dürfte kein einfaches Leben gewesen sein. Er lag auch nicht ganztags auf weichen Ziegenfellen, spielte Würfel und trank Wein (wie es später von jüdischen Fürsten berichtet wird , siehe Amos 6,4-6), sondern wurde als Kleinviehhirt früh im Familienbetrieb eingespannt. Er hütete mit seinen Brüdern das Kleinvieh (1. Mose 37,2). In der Familienchronik mussten einige dunkle Taten vermerkt werden. Ruben, der älteste, war mit einer Nebenfrau des Vaters ins Bett gegangen, um sich bessere Chancen auf sein Erbe zu sichern (1. Mose 35,22; vgl. 49,4). Der Zweit- und Drittgeborene hatte sich mit einer brutalen Racheaktion für die Vergewaltigung ihrer Schwester in einer kananäischen Stadt hervorgetan (1. Mose 34). Als es darum ging, Josef zu entsorgen, gingen die Brüder bei der Falschinformation ihres Vaters geradezu boshaft um. Sie tauchten sein Gewand in Blut und schickten dem Vater die Meldung, dass sein Liebling von wilden Tieren zerrissen worden sei (1. Mose 37,31-32). Kein Wunder bekannte Jakob kurz vor seinem Tod, dass seine Jahre „wenig und böse“ gewesen seien (1. Mose 47,9). Er selbst war daran nicht unbeteiligt gewesen. Er wusste nicht nur seinen Bruder Esau und später seinen Schwager Laban geschickt hinters Licht zu führen (1. Mose 25; 31). Er wurde auch selber oft manipuliert: Von seinem Schwager Laban (vgl. 1. Mose 31,41) und auch von seinen Frauen und Söhnen.

Jetzt können wir uns besser vorstellen, was Josef mit 17 Jahren schon alles erlebt haben musste. Er war in einer angenehm-unangenehmen Position des bevorzugten Sohnes. Zudem bekam er zwei Träume, in denen ihm von Gott offenbart wurde, dass sich einmal alle Brüder wie auch Vater und Mutter von ihm verbeugen würden. Im streng hierarchischen Gefüge der Sippe war diese Anspruch unerhört, so dass selbst Vater Jakob seinen Sohn öffentlich rügen musste. Es wird aber auch vermerkt, dass er sich diesen Traum merkte (1. Mose 37,11). Für die Brüder war die Situation jedoch so unerträglich geworden, dass sie ihn töten wollten. Brudermord war bei seinen Vorfahren nichts Unbekanntes. Nach dem Bundesbruch Adams und Evas im Garten Eden brachte die Sünde Verderben in die Familie. Aus demselben Motiv wie Josefs Brüder, nämlich Eifersucht, hatte Kain seinen jüngeren Bruder Abel erschlagen (1. Mose 4).

Josef war mit 17 Jahren ein junger Mann geworden. Gott richtet den Lichtkegel seiner Geschichte nun auf diesen einen Mann. Doch geht es nicht um die Darstellung eines Einzelschicksals und auch nicht um eine Heldenerzählung. Vielmehr geht um die Weiterführung der Linie der Verheissung. Eva, deren Name „Mutter aller Lebendigen“ bedeutet, war nach dem Sündenfall verheissen worden, dass ein Nachkomme der Schlange den Kopf zertreten würde (1. Mose 3,15). Nach der Geburt ihres Erstgeborenen Kain musste überzeugt gewesen sein, dass der Erlöser gekommen war (vgl. 1 Mose 4,1-2). Was für eine Ernüchterung, als dieser seinen Bruder Abel umbrachte. Die Menschen verderbten sich rasch. Gott musste ein weltweites Gericht, die Sintflut, über die Erde kommen lassen. Die acht überlebenden Menschen blieben in ihrem Inneren verdorben (1. Mose 6,5; 8,21). Das Herz des Menschen blieb unumkehrbar böse. Gott erwählte später Abraham und verhiess ihm, dass durch einen seiner Nachkommen die ganze Erde gesegnet werden würde (1. Mose 12,1-3). Wer würde dieser Nachkomme sein? Wann würde er auftreten? Wie würde er den Widersacher Gottes überwinden?

Jesus: Der geliebte Sohn des Vaters kommt zu seinem Volk

Es würde nochmals fast 2000 Jahre dauern, bis der Erlöser geboren werden sollte – im selben Land, im Land Kanaan. Weshalb betone ich das? Wir haben die Geschichte Josefs nicht verstanden, wenn wir sie nicht als Teil der grossen Erzählung Gottes einordnen können. Das ganze Alte Testament lebt von der Spannung des Erlösers und der Wende der Heilsgeschichte nach dem verheerenden Einbruch der Sünde. Wie würde das Verderben beseitigt werden? Wer würde dem Gesetz Gottes Gerechtigkeit antun? Wer könnte wider die Versuchung des Widersachers bestehen? Und vor allem: Wer würde die Sünde sühnen, welche das Menschengeschlecht befallen und Verderben sowie Unheil über Generationen angerichtet hatte? Josef stand zwar in der Linie der Verheissung und war dazu ausersehen, das Leben seiner Sippe zu erhalten. Doch es wird schon in den ersten Sätzen seiner Geschichte klar: Er würde seine Brüder nicht erlösen können. Erst der wahre Josef könnte dies tun. Die Parallelen von Josef zu Jesus sind verblüffend. Ich erwähne einige:

  • Jakob sandte seinen Sohn Josef, damit er nach dem Wohlergehen seiner Brüder schaue (1. Mose 37,13). So sandte Gott seinen geliebten Sohn in der „Fülle der Zeit“ (Originalton von Paulus, Gal 4,4) in diese Welt.
  • Als die Brüder Josef alleine bei sich auftauchen sahen, schmiedeten sie Pläne um den verhassten Bruder aus der Welt zu schaffen (1. Mose 37,18). Wer die Evangelien liest, begegnet immer wieder der Situation, dass gegen ihn beratschlagt wurde, um ihn zu töten. Johannes fasst das in Kurzform so zusammen: „Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)
  • Josef wurde um eine Summe Silberstücke verkauft (1. Mose 37,28). Die Ältesten von Gottes Volk zahlten Judas ebenfalls eine Summe von Silberstücken, damit er ihnen den Aufenthaltsort von Jesus abseits der grossen Menge verriet (Mt 26,15). Beide Pläne gingen lückenlos auf.
  • Die Brüder Josefs wollten um keinen Preis, dass ihr jüngerer Bruder über sie herrschen sollte. Das entsprach jedoch genau Gottes Bestimmung für ihn; er hatte ihm dies in seinen beiden Träumen angekündigt. Einige Jahre später würden sich alle Brüder vor Josef verneigen – in einem ganz anderen Umfeld, mit völlig vertauschten Karten (1. Mose 42,6). Genauso sollte der Sohn Gottes zum Eckstein werden für die gesamte Gemeinde der Erlösten. Wer jedoch auf diesen Eckstein fiel, so sagte er den Pharisäern voraus, würde von diesem zerschmettert werden (Mt 21,44). An Jesus entscheidet sich das Schicksal jedes Menschen. In demselben Gleichnis kündigte Jesus an, was sein Volk mit ihm tun würde: „Dieser ist der Erbe. Auf, lasst uns ihn töten.“ (Mt 21,38)
  • Josef wurde aus Neid den Ismaeliten überliefert, die ihn als Sklaven mit nach Ägypten nahmen. Pilatus, römischer Gouverneur, erkannte rasch, dass Jesus von den Juden aus Neid überliefert worden war (Mt 27,18).
  • Josefs Brüder mussten seine Gefangennahme und Entführung vertuschen. Sie dachten, sie seien ihn dadurch endgültig losgeworden. Die Juden forderten von den Römern eine starke Bewachung für das Grab Jesu an. Das änderte nichts daran, dass die Kraft Gottes ihn aus den Toten auferweckte. Die römischen Wachen mussten bestochen werden, damit über den wirklichen Hergang ein falsches Gerücht verbreitet wurde (Mt 28,11-15).

Die ausführliche Schilderung von Josef steckt also voller Anspielungen auf Jesus. Der wahre Josef würde eines Tages kommen, um von seinen Brüdern verworfen zu werden. Derselbe Josef würde später zum Retter und Erhalter seines Volkes werden. Was für eine grossartige Parallele im atemberaubenden Bühnenstück der Weltgeschichte Gottes!

Josef ohne Jesus ist ein Josef der Moral, der Vervollkommnung der Tugenden. Josef ist dann Prototyp des Tellerwäschers, der sich zum Millionär hocharbeitete. Er wird zum Inbegriff des Ausländers, der an die Schaltstellen der Macht gelangt. Der Häftling, der sich mit Tapferkeit und Hartnäckigkeit die Aufmerksamkeit des Gefängnisdirektors erarbeitete. Doch halt: So einfach war es ja nicht. Es wird mehrmals vermerkt: Gott war mit ihm (1. Mose 39,3 etc.). Hier schlage ich die Brücke zu uns: Es geht wie bei Josef nicht um das Drehbuch eines einzelnen Lebens. Die Weltgeschichte dreht sich nicht um mich. Manchmal bilden wir uns das ein. Wir bekommen den Eindruck, dass wir als selbständige Konsumenten in der Führerkabine unseres Lebens sässen. Wir könnten uns unsere Artikel nach Geschmack zulegen. Wir könnten uns unsere eigene Welt zimmern und die eigenen Vorlieben zelebrieren. Wir sehen uns die Informationen innerhalb unseres eigenen kleinen Kosmos ordnen und zurechtlegen. In den sozialen Medien bekommen wir eine Plattform, um uns selbst darzustellen. Doch Moment. Die Achse dreht sich dann um jämmerliche, 70 – 80 Jahre bestehende, schnell alternde, oftmals wortbrüchige, wind- und wetterwendische Menschen. Das kann doch nicht alles sein! Nein, es ist nicht alles. Zumindest nicht die Hauptsache. Das zeigt uns auch Josefs Leben auf. Wie? Seine Geschichte lässt unsere grossen Wünsche auf einem anderen Hintergrund erscheinen. Wenden wir uns den drei anfangs erwähnten Dingen zu: Der grossen Reise, dem Liebesabenteuer und dem fett bezahlten Posten.

Eine unfreiwillige Reise, eine abgewiesene Frau und ein Gefängnisaufenthalt

In der von einem Liederdichter Israels verfassten Rückblende erfahren wir, wie Gott das Leben von Josef betrachtete (Psalm 105,17-22):

(Gott) sandte einen Mann vor ihnen her; Joseph wurde als Knecht verkauft. Sie zwangen seinen Fuß in einen Stock; sein Hals kam ins Eisen — bis zu der Zeit, da sein Wort eintraf und der Ausspruch des Herrn ihn geläutert hatte. Der König sandte hin und befreite ihn; der die Völker beherrschte, ließ ihn los. Er setzte ihn zum Herrn über sein Haus und zum Herrscher über alle seine Güter, daß er seine Fürsten nach Belieben binde und seine Ältesten Weisheit lehre.

Ich kann den 17-jährigen Josef vor mir sehen. Er klickte sich durch die Angebote im Netz, Last Minute. Nach Ägypten soll der Urlaub gehen, tauchen und schnorcheln am Meer. Nein, bei weitem gefehlt. Er unternahm zuerst eine weite Reise zu seinen Brüdern, ein gefährliches Unternehmen. Die Brüder werfen Josef in eine leere Zisterne. In einer Kinderbibel wird treffend dargestellt, wie sie ihn da kopfüber hineinschupften. Dann setzten sie sich, um seine Beseitigung zu feiern. Eine Karawane nahte, aus dem ersten spontanen Aktion wurde ein definitiver Plan. Verkaufen würde man den Bruder. Dann hätte man ihn eindeutig los. Juda, der Vierte, meinte: „Also, so schlecht können wir mit ihm auch nicht umgehen. Er ist schliesslich unser Fleisch und Blut.“ So geschieht es, dass er nach Ägypten verkauft wurde. Die Ereignisse scheinen sehr ungünstig mitgespielt zu haben. Der Mann wusste noch nichts von seiner zukünftigen Aufgabe in Ägypten. Er hatte von Gottes grossem Rettungsplan für die Linie der Verheissung keine Ahnung. Vorerst zog er durch die Steppe hinunter nach Ägypten. Keine First Class, wahrscheinlich zu Fuss, womöglich noch schlecht ernährt und erniedrigend behandelt. Auf dem Sklavenmarkt wurde er vom Chef der Palastwache Pharaos gekauft.

Blenden wir in unser Leben. Vielleicht hast du grosse Pläne. Du siehst dich im Sportwagen umherfahren, den Arm lässig im geöffneten Fenster, die trendige Frisur im Fahrtwind, im Kofferraum den Golfschläger. Neben dir sitzt eine schlanke, gut aussehende Frau, die dir zu Diensten steht; die dich bewundert. Das eigene Geschäft hat die Anfangsphase überstanden. Nicht nur das, du hast es gar zu einem guten Preis verkaufen können. Privatier willst du nicht sein, du beschäftigst dich jetzt mit dem Bau von Mehrfamilienhäusern. Das Geld will schliesslich angelegt sein. Die Jacht steht in Südfrankreich im Hafen. Vielleicht ist das alles viel zu abgehoben. Du planst in kleineren Einheiten. Vielleicht ist es das Eigenheim, die nächste Beförderung. Oder für Kinder und Jugendliche: Das neue elektronische Gerät, die Wunsch-Lehrstelle, die hübsche Freundin, der lange Asienaufenthalt mit dem ersten ersparten Geld.

Bei Josef kam alles ganz anders als erträumt. Das tolle Gewand war schnell vom Leib gerissen. Fertig war es mit der Aussicht auf das väterliche Erbe, auf das Hauptzelt und die grossen Herden. Erst einmal lag er im trockenen Loch, vielleicht mit Schürfungen. Dann wurde er hinausgeholt und unter hämischem Lachen der Brüder an die Händler verkauft. Ein tage- bzw. wochenlanger Gewaltmarsch nach Ägypten. Dann die Präsentation auf dem Sklavenmarkt, ein neuer Herr. Dienen, nicht herrschen. Hungern, nicht satt sein. Fern von der Heimat. Fern vom Vater. In einer komplett anderen Kultur, einer anderen Sprache, mit anderen Gepflogenheiten, einer anderen Religion. Jetzt würde es klar werden, wie Josef sich verhalten würde.

Es kam noch viel dicker. Josef bewies sich als tüchtiger Arbeitnehmer. Er arbeitete sich bis zum Hausvorsteher seines Herrn hoch. Damit war er über Dutzende, wenn nicht Hunderte anderer Sklaven gesetzt. Sein Herr kümmerte sich um gar nichts mehr. „Gott war mit ihm.“ Das war alles. Das genügte. Josef bewährt sich im neuen Umfeld. So hätte es weitergehen können. Dann kommt der zweite Schlag: Die Frau des Herrn begehrt den jungen, gut aussehenden Fremden. Er soll ihr gefügig werden. Nicht nur ein toller Job, auch noch ein heisses Liebesabenteuer folgte auf dem Fuss. Josef reagiert konsequent. In der Versuchung wird seine Gesinnung offenbar. Er weist die Frau ab. Weshalb? Weil er sonst gegen Gott gesündigt hätte. Das sagt alles. Er lebte vor Gott. Was zählte, war sein Gesetz.

Die Frau lässt das nicht auf sich sitzen. Sie ergreift die nächste Gelegenheit, als die beiden alleine im Haus waren. Jetzt oder nie! Bis jetzt war sie noch immer an ihr Ziel gekommen. Josef flüchtet, die einzige Möglichkeit, die ihm übrigbleibt. Wieder liess er sein Gewand fahren. Wieder wendet sich sein Geschick. Die Frau verklagt ihn. Die Täterin stellt sich geschickt als Opfer hin. Josef fliegt hochkant aus dem Haus – direkt in den Hochsicherheitstrakt des Pharaos. Dunkles Verliess, enge Zellen, Ungeziefer, Feuchtigkeit, Hunger, schreiende Häftlinge, Exkremente, wohl auch Sterbende. Im Psalm steht: Der Herr presste seine Füsse in einen Stock und seinen Hals in ein Eisen. Weshalb tat er das? Er läuterte ihn. Er testete seinen Glauben. Er bereitete ihn für seine Aufgabe zu.

Ich bin überzeugt, dass wir insgesamt eine verkehrte Vorstellung vom Leben von unserem Umfeld vorgespiegelt kommen. Wir sehen uns im Zentrum. Die Verwirklichung unserer Pläne ist Kriterium für Glück oder Unglück. Wenn es so läuft, wie wir wollen, sind wir zufrieden – mit uns, unseren Nächsten und auch mit Gott. Doch wehe, es läuft anders! Dann – ja, dann sind wir enttäuscht. Wir kehren Gott den Rücken. Er hat sich nicht an unseren Spiel- und Terminplan gehalten. Ist das zu plakativ? Im Hebräerbrief, 12. Kapitel, steht deutlich geschrieben, dass Gott den, den er lieb hat, zurechtstutzt. So wie Josef geprüft und gedemütigt wurde.

Josefs Glaube kommt zum Vorschein. Es steht kein Wort vom Verdienst Josefs. Es steht jedoch sehr viel von Gottes minutiöser Planung. Er führte ihn nach Ägypten, er liess ihn einsperren, er ging mit ihm bis an und über die körperliche Grenze. Er bestimmte auch den Zeitpunkt des Umschwungs. Josef erwies sich als Glaubender. Er wird zum Instrument in Gottes Gesamtplanung. Er wird zur Schlüsselfigur in der kommenden Hungersnot, welche die ganze Region erfassen würde. Gehen wir nicht zu schnell darüber hinweg. Josef sagt später selbst, dass Gott ihn vorher gesandt hatte (1. Mose 45,8). Gott wirkt selbst durch das Böse, das keineswegs entschuldigt werden kann, das Gute. Er verwirklicht seinen Plan durch sündige Geschöpfe, ja noch mehr, sogar durch die Sünde selbst – ohne davon betroffen zu sein. Gott zeigt uns anhand der Geschichte Josefs, dass er der Drahtzieher der Gesamtgeschichte und der Bestimmung unseres Lebens ist. Er fordert uns durch seine Schrift und durch die grosse Erzählung, die sich exklusiv um die Verheissung und Erfüllung der Erlösung dreht, zum Aufmerken auf.

Drei Fragen, die uns Josefs Lebensgeschichte stellt

Erinnert dich Josefs Familie an eigene Familiensünden?

Auch wenn Josef vor beinahe 4000 Jahren lebte, merken wir: Die Familienverhältnisse sind auch heute noch ähnlich. Wir mögen nach aussen fröhliche Gesichter machen. Doch wir wissen genau: Neid und Missgunst, Bevorzugung, aber auch Schwächen und Versagen der Eltern und Vorfahren haben manch böses Wort nach sich gezogen, Ehepaare und Geschwister einander entfremdet, Zank in Erbschaftsangelegenheiten hervorgebracht. Leider sündigen wir oft. Und wenn wir es getan haben, lieben wir es, unsere eigenen Fehltritte zu vertuschen oder den anderen in die Schuhe zu schieben. Vielleicht ist es angebracht, still zu werden und Gott unser familieninternes Elend zu bekennen.

Wie stehst du zum wahren Josef?

Die Priorität unseres Lebens ist nicht die Verwirklichung unserer Pläne. Es kann alles ganz anders kommen. Bei den meisten wird es ganz anders kommen. Oder es ist schon ganz anders geworden. Ich frage: Auf was setze ich mein Leben? Denke ich ausschliesslich in den Kategorien reisen, lieben, Geld verdienen? Ist Gott eine fromme Dekoration, aber nicht mehr?

Er sucht dich. Er fragt nach dir. Er tritt in dein Leben ein, oftmals an der Stelle, in der wir es nicht erwartet hätten. Wer Gott ins Blickfeld genommen hat, der kann mit der ganzen Wirklichkeit zurechtkommen. Das heisst keineswegs, dass wir alles verstehen könnten. Es gibt Etappen unseres Lebens, in denen wir ratlos dastehen. Josef wurde aus der Familie, aus seinem Besitz, aus seinem Land und auch aus seiner neuen Stelle herausgerissen und ins Gefängnis geworfen. Es kann noch ärger werden. Es muss nicht, aber es kann.

Das Wichtigste ist jedoch, dass wir erkennen, warum der wahre Josef gekommen und wer er wirklich ist. Er kam in diese unter der Sünde seufzende Welt, in ein Schuld beladenes Volk. Er wurde abgewiesen, verachtet. Dabei trug gerade er unsere Krankheiten und nahm die Schwachheiten auf sich. Gottes geliebter Sohn, den er in den Tod schickte, brach seinem Widersacher das Genick. Er erlöste Menschen, die das ganze Leben hindurch in Todesfurcht geknechtet und so verblendet waren, dass sie ihre furchtbare Lage nicht einmal erkannten. Der wahre Josef führt seinem Vater ein grosses Volk zu. Wir Menschen gedachten zwar, es böse zu machen, doch er durchkreuzte unsere Pläne (1. Mose 50,20). Er stellt sich uns in den Weg.

Seufzt du unter unfreiwillige Abzweigungen deines Lebens?

Du bist am Arbeitsplatz zwischen den Mühlsteinen? In der Familie am Anschlag? Gesundheitlich vor einer ungewissen Zukunft? Wenn du ihm gehörst, sei zuversichtlich: Es dient zu deiner Reifung. Deine Treue steht auf dem Prüfstand. Wen Gott zum Leben erweckt hat, den führt er durch viele Bedrängnisse ins Himmelreich. So wie Christus gelitten hat, um in die Herrlichkeit zu gehen, so geht es auch seinen Nachfolgern. Ohne Christus kannst du daran zerbrechen.

So wie Gott Josef läuterte, so stellt er auch unseren Glauben auf die Probe. Stehst du in der Versuchung aufzugeben? Lebst du in zwei Welten: Die fromme ab und zu am Sonntag und die andere in der restlichen Zeit? Er sieht deine Gedanken, deine geheimen Blicke, deine versteckten Projekte. Er schafft Situationen, um dein Herz zum Vorschein kommen zu lassen. Vielleicht entdeckst du auf diese Weise, dass du einen Erlöser brauchst. Bringe dein Gewissen nicht zum Schweigen!

Bitte gehe nicht vorschnell an Josefs Geschichte vorüber. Ohne Erhalter des Lebens wirst du für immer am Hungertuch nagen! Du entbehrst des Wichtigsten. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Was möchtest du am Ende deines Lebens einmal erzählen können?

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