Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Was sind deine Erwartungen an den christlichen Glauben?

Predigt zu Apostelgeschichte 1,6-8.

Was erwartest du von einem lebendigen Glauben? Wie verändert sich dein Leben, wenn du mit Gottes Geist beschenkt wirst? Welche Bedeutung soll das Christentum in der Welt einnehmen?

Die Apostel, von denen in der Apostelgeschichte die Rede ist, sassen nach der Auferstehung mit ihrem Herrn zusammen. Wir haben letzten Sonntag gehört, dass diese Gemeinschaft die Grundlage für ihre Wirksamkeit war. Der Auferstandene sprach davon, dass bald der versprochene Tröster zu ihnen komme, seine Nachfolger mit dem Heiligen Geist getauft werden. Diese Ankündigung weckte Erwartungen. Darum fragten die Apostel (Apostelgeschichte 1,6): „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ Die Jünger kannten die Geschichte ihres Volkes. Sie wussten, dass Gott sein Volk unter die Herrschaft fremder Völker gab, weil sie ihm untreu waren. Darum konnte das Königtum, das David und seinen Nachkommen anvertraut wurde, nicht bestehen bleiben. Jetzt wurde die Hoffnung geweckt, dass die Zeit der Unterdrückung zu Ende gehe. Christus ist gekommen, um sein Volk von den Sünden zu erlösen. Durch die Vergebung wird es möglich, dass Israel von den fremden Herren befreit werde. Gottes Volk könnte wieder frei seinem Herrn und Erlöser dienen.

Durch Gottes Wort wird dir verheissen: Wenn du glaubst, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, der die Strafe für deine Ungerechtigkeit auf sich nahm, am Kreuz dafür starb und am dritten Tag auferstand, werden alle deine Sünden vergeben. Du wirst ein Kind Gottes, dem der himmlische Vater seinen Geist schenkt. Von dieser neuen Identität und Ausrüstung sollte man etwas erwarten.

  • Man könnte meinen, dass der Glauben Durchblick schenke. Die Fragen, was das Leben auf dieser Welt bedeute, sollten beantwortet sein. Die Entscheidungen, die man im Lauf seines Leben zu treffen habe, sollten im Blick auf die Ewigkeit leichter gefällt werden können. Wenn man weiss, woher das Leben kommt und hinführt, sollten wir doch weiser mit unserer Zeit, unseren Kräften und den Beziehungen umgehen können, als wenn wir völlig ahnungslos durchs Leben gehen.
  • Viele sagen, dass der Glaube an Gott Halt und Zuversicht schenke. Die Zeiten des Zweifelns und der Suche nach dem Sinn des Lebens sind endlich überstanden. Glaube ist doch eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
  • Andere erwarten, dass ihr Glaube ansteckend sei. Sie wünschen sich, so mit Gottes Güte und Barmherzigkeit zu leben, dass alle Menschen, die ihnen begegnen, sich ihrem Schöpfer zuwenden. Wir könnten meinen, es lernen zu müssen, so vom Heil in Christus zu reden, dass unsere Zeitgenossen uns nicht widerstehen können. Wenn wir unsere Argumente für Gott und sein herrliches Heil endlich überzeugend präsentieren können, werden Menschen zum Glauben finden.
  • In Gesprächen habe ich immer wieder vom Eindruck gehört, dass es uns in unserem Land zu gut gehe. Unsere Zeitgenossen seien gar nicht bereit, sich auf Gott einzulassen, weil ihnen nichts fehle. Erst wenn sich die Umstände verschlechtern, der Wohlstand abnehme, werde sich etwas ändern. Entbehrungen und Schwierigkeiten sollen Menschen bereitmachen, sich einen himmlischen Beistand zu suchen.

Solche oder ähnliche Vorstellungen tragen wir in unseren Herzen. Es ist gut, sich Zeit zu nehmen und sich selbst über diese Erwartungen klar zu werden. Komm wie die Jünger zu deinem Herrn. Sag ihm im Gebet, was du dir vom Glauben wünscht. Verbirg die Hoffnungen nicht in dir. Denk daran, dass du vor den Herrn aller Herren kommst, von dem es heisst (Psalm 139,2): „Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Sag dem Herrn deine Erwartungen, damit es dir klar wird, was du da im Herzen trägst. Sag es ihm, auch wenn du vermutest, dass das deine Vorstellungen nicht angebracht sind. Nimm ein Papier und schreib dir auf, was du dir vom Glauben an Christus erhoffst. Leg dieses Blatt in deine Bibel und denk immer wieder darüber nach. Vielleicht wirst du mit der Zeit erkennen, dass Christus viel mehr für dich tut, als du dir vorgestellt hast.

Die Apostel mussten lernen, dass ihre Erwartungen sie in die Irre führten. Die Antwort des Herrn bedenken wir unter folgenden Punkten.

  1. Das ist nicht eure Sache
  2. Das ist meine Sache
  3. Die Sache ist grösser, als ihr euch vorstellt

Das ist nicht eure Sache

Jesus sagte zu den Aposteln: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat.“ Der Herr ermutigt die Seinen, in allen Umstände, auf ihren himmlischen Vater zu vertrauen. Er verordnet durch seine Vorsehung alle Dinge zum Heil seines Volkes. Ob die erwartete Wende in der Heilsgeschichte kommt, oder ob die Erfüllung auf sich warten lässt, ist für das Leben im Glauben unbedeutend. Das Vertrauen darauf, dass in Christus die Vergebung der Sünde und das ewige Leben zu finden ist, genügt zu allen Zeiten, um der Ehre des himmlischen Vaters dienen zu können. Darum: „Zerbrecht euch nicht den Kopf über die Umstände, in denen ihr zu leben habt!“

Der himmlische Vater sorgt für seine Kinder. Sie sind unter in keinen Lebensbedingungen verloren. Selbst wenn du auf eine Lebensfrage, keine Antwort findest, wird dich dein Vertrauen auf Christus retten. Selbst wenn du zweifelst und nicht sicher bist, ob du deinem Herrn treu bleiben kannst, gilt sein Versprechen, dass er dich nicht verlassen wird. Wenn es dir trotz aller Mühe nicht gelingt, deine Nächsten dazu zu begeistern, selbst Christus nachzufolgen, ist dein Glaube trotzdem niemals wirkungslos. Die Umstände müssen sich nicht verschlimmern, damit Menschen zu Gott finden. Der Allmächtige rettet Menschen aus allen Lebenssituationen. Auf Christus vertrauen kann man sowohl im herrlichsten Palast als auch im dunkelsten Loch, in das Gottes Feinde Christen stecken können. Denk daran, was der Apostel Paulus im Römerbrief schrieb (Römer 8,28): „Wir wissen aber, das denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Das ist meine Sache

Weiter sagte Jesus zu seinen Aposteln: „Aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“ Der zweite Teil der Antwort habe ich lange so verstanden, dass der Auferstandene seinen Nachfolgern eine Aufgabe gibt. Damit würde er sagen: „Um eine Sache braucht ihr euch nicht zu kümmern, damit ihr euch eurem eigentlichen Auftrag widmen könnt.“ Wenn wir den Text sorgfältig lesen, stellen wir fest, dass das nicht stimmt. Christus sagt nämlich nicht: „Ihr sollt alles daransetzen, den Heiligen Geist zu erhalten und in der Welt meine Zeugen zu sein.“ Der Text beschreibt einen Vorgang, der an den Aposteln geschehen wird. Christus ist es, der seinen Geist sendet, die Apostel empfangen ihn. Durch diese Ausrüstung werden die Beschenkten zu Botschaftern, automatisch und selbstverständlich. Die Mission nimmt durch das himmlische Geschenk ihren Lauf. Christus sorgt dafür, dass sein Auftrag durch die Apostel ausgeführt wird. Er übergibt seine Sache nicht seinen Nachfolgern, wie es Seniorchefs tun, um sich danach nicht mehr in die Geschäfte einzumischen. Die Verkündigung des Evangeliums bleibt seine Sache.

Alles Gute, was wir in dieser Welt tun können, was Gott ehrt und zur Förderung seines Reiches geschieht, muss durch Gottes Geist getan werden. Gottes Geist ist es, der uns Glauben schenkt und uns erkennen lässt, dass wir geschaffen wurden, um zur Ehre unseres Schöpfers zu leben. Gottes Geist ist der Tröster, der dafür sorgt, dass Gottes Kinder in dieser gottfeindlichen Welt nicht verzweifeln, sondern auf ihren Erlöser hoffen. Gottes Geist macht es möglich, dass dein Nächster dich nicht bloss für einen guten Menschen hält, sondern an deinem Tun und Lassen erkennt, dass du Gott dankbar bist, dass er dir alle deine Sünden vergeben hat. Gottes Geist offenbart sowohl Armen als auch Reichen, dass ihnen der Reichtum der Gerechtigkeit fehlt. Das Beste, was auf dieser Welt getan werden kann, nämlich einen Menschen zur Seligkeit in Christus zu führen, bleibt Gottes Sache. Darum schrieb der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom (Römer 9,16): „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“

Die Sache ist grösser, als ihr euch vorstellt

Schliesslich antwortete Jesus seinen Aposteln: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Wenn wir an die Frage denken, die am Anfang gestellt wurde, wird deutlich, dass das Werk des Herrn die Vorstellungen der Seinen weit übertrifft. Sie haben angenommen, dass ihr Volk gesegnet werde. Christus ist der Segen für die ganze Welt, von dem Gott zu Abraham sprach (1. Mose 12,3): „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ Bereits durch den Propheten Jesaja offenbarte Gott, dass er mehr tun will, als die Apostel erwarteten (Jesaja 49,6): „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ Diese Verheissung wird durch das Werk erfüllt, das Christus durch seinen Geist in seinen Apostel ausführt.

Gottes Gedanken, Ratschlüsse und Pläne übertreffen die Vorstellungen der Menschen immer. Während du den Sinn des Lebens finden willst, verändert dich Gott durch seinen Geist so, dass dein Dasein in der Ewigkeit zur Ehre des himmlischen Vaters dienen kann. Während du dir ein zuversichtliches Leben wünscht, beschenkt dich Gottes Geist mit der lebendigen Hoffnung, die über den Tod hinaus besteht. Während du dich um einen vorbildlichen Glauben bemühst, offenbart sich Gott anderen Menschen, auch wenn sie deine Schwächen bemerken. Während wir meinen, um günstige Umstände in unserer Umgebung beten zu müssen, damit unsere Zeitgenossen zu Christus finden, beschenkt der Allmächtige überall auf der Welt Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen mit seiner Gnade. Wenn wir Gottes Worte beachten, wird uns auffallen, dass es wahr ist, was Gott durch den Prophet Jesaja offenbarte (Jesaja 55,8-9): „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht mein Wege, spricht der Herr, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Schluss

Die Antwort des Herrn hilft uns, unsere Vorstellungen über den christlichen Glauben und das Christentum zu hinterfragen. Denk jedes Mal, wenn du die Bibel liest, mit diesen Fragen über die Erwartungen nach, die du dir notiert hast:

  1. Muss sich meine Erwartung verwirklichen, damit ich als Christ in dieser Welt leben kann?
  2. Was will Christus für mich tun?
  3. Wie übertrifft das Werk des Herrn meine Erwartungen?

Unser himmlischer Vater beschenke dich mit dem Vertrauen, das das Werk seines Sohnes, das der Heilige Geist an uns tut, mehr und mehr erkennt.

Amen.

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