Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Die wartenden Zeugen pflegen Einmütigkeit

Predigt zu Apostelgeschichte 1,12-14.

Einleitung

Mit der Apostelgeschichte haben wir ein einzigartiges Dokument des Christentums in Händen. Lukas schrieb sorgfältig auf, was das Evangelium von Jesus Christus bewirkte. Er kannte die Apostel und ihre Zeitgenossen persönlich. Darum konnte er präzise berichten, was in den stillen Stunden geschah, bevor an Pfingsten der Startschuss zur Weltmission fiel.

Das Christentum war von Anfang an eine Sache der Gemeinschaft. Alle, die an Christus glaubten, versammelten sich an einem Ort. Es gibt nur einen Herrn, auf den alle Christen vertrauen. Hier lesen wir zum ersten Mal von der Einmütigkeit von Gottes Kindern. Das heisst, dass sie völlig übereinstimmten, dass Jesus der von Gott verheissene Heiland ist. In dieser Sache gab es keinen Widerspruch unter ihnen. Niemand hegt einen Vorbehalt, wo das Heil zu finden sei. Genau diese Übereinstimmung, diese Einmütigkeit zeichnete die Gemeinschaft der ersten Christen aus. Dieser Wesenszug der Gemeinde wird durch die ganze Apostelgeschichte hindurch beschrieben. Selbst bei Meinungsverschiedenheiten wurde der Konsens des Evangeliums immer wieder gesucht und schliesslich bewahrt.

Heute gibt es Vieles, was die Kirche und die einzelnen Gläubigen auseinanderreisst. In einer Zeit, in der sich jeder selbst verwirklichen können soll, ist es beinahe unmöglich, Einmütigkeit zu bewahren. Vorlieben treten vor die Liebe zu den Geschwistern. Ansichten werden geteilt, um die Unterschiedlichkeit zu betonen. Meinungen werden vertreten, um wahrgenommen zu werden. Andererseits wird die Einmüigkeit des Evangeliums leichtfertig preisgegeben. Man meint, es sei unmöglich, sich über alle Lehrfragen einige zu werden. Darum begnügt man sich mit einem kleinen gemeinsamen Nenner: Jesus liebt uns. Wer meint, mehr festhalten zu müssen, wird als Störenfriend und Zerstörer der Gemeinschaft behandelt. Was kann uns die wahrhaftige Übereinstiummung bringen, die erforderlich ist, um gemeinsam in unserer Zeit das Evangelium zu bezeugen? Im heutigen Abschnitt erkennen wir, dass die Einmütigkeit auf zwei Arten gepflegt und vertieft wurde: durch die Nachfolge und das Gebet.

Einmütigkeit in der Nachfolge

Die Apostel kehrten gemeinsam nach Jerusalem zurück. Sie befolgten die Anweisung ihres Herrn. Lukas hat einige Verse vor diesem Abschnitt davon berichtet (Apg 1,4-5): „Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheissung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt; denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.“ Die Nachfolger des Auferstandenen hielten sich gemeinsam an die Weisung ihres Herrn. Darum kehrten sie miteinander nach Jerusalem zurück.

Es ist beeindruckend, wie die Apostel die Worte ihres Herrn beachteten. Sie brauchten keine weiteren Erklärungen, stellten die Entscheidung in der gegenwärtigen Lage nicht infrage, sondern unterstellten sich vertrauensvoll der Weisung ihres Meisters. An ihrem Gehorsam erkennen wir, dass sie nicht davon ausgingen, dass ihr Herr sie sich selbst überlassen habe. Christus ist der Herr der Welt und das Haupt der Gemeinde. Sein Wille, der sich nicht von dem des Vaters unterscheidet, soll geschehen. Gottes Kinder wünschen sich, dass er auf Erden genauso ausgeführt werde, wie es die Engel im Himmel tun. Das bitten wir unseren himmlischen Vater im Gebet, das uns unser Herr lehrte.

Was ist der Wille des Herrn für seine Kirche und für Gottes Kinder? Wir wollen heute Morgen nicht die Vorstellungen eines Menschen bewegen, sondern auf die Worte unseres Herrn achten, genauso wie es die Apostel nach der Himmelfahrt. Wir hören drei Abschnitte aus den apostolischen Briefen, die ausdrücklich auf Gottes Willen für die Kirche und die Gläubigen hinweisen.

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
(Epheser 5,15-20)

Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr mit guten Taten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft — als die Freien und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als die Knechte Gottes. Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König!
(1. Petrus 2,13-17)

Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus — da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, dass ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.
(1. Thessalonicher 4,1-8)

Wer diesen Willen tut, gehört zu Jesus. So sagte es der Herr, als ihm gesagt wurde, dass seine Familie vor der Tür auf ihn warte (Mt 12,50): „Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Am Schluss des Predigttextes heisst es, dass jene Familienmitglieder, die einst zum ihm wollten, nun wahrhaft zu seiner Familie gehörten. Sie schlossen sich der christlichen Gemeinschaft an und beachteten seine Worte. Bleib nicht draussen für dich alleine stehen, sondern mach es wie Maria und die Brüder Jesu! Komm herein und höre gemeinsam mit all jenen Menschen, die glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist, auf die Worte des Herrn! Wenn Gottes Kinder das gemeinsam tun, wird die Einmütigkeit gestärkt.

Einmütigkeit im Gebet

Die Versammlung in jenem Haus in Jerusalem verstand sich nicht als jene, die von ihrem Herrn zurückgelassen wurde. Sie waren nicht auf sich gestellt und verwalteten nicht das Vermächtnis ihres Meisters. Diese erste Gemeinschaft von Christi Nachfolgern blieb im Gebet. Sie sprachen mit jenem, der vor ihren Augen zum Himmel auffuhr.

Ihr Herr war nicht weit weg von ihnen. Das wird durch die Bemerkung deutlich, dass der Ölberg bloss einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt sei. Ausleger streiten sich über diese Angabe. Der Hinweis bietet allerdings keine geografische Belehrung, sondern eine geistliche Erklärung. Der Sabbatweg ist die Distanz, die ein Jude höchstens gehen darf, um nicht den Sabbat zu brechen. Sie wurde in den meisten Fällen genutzt, um die Synagoge zu erreichen und Gott anzurufen. Die frühchristliche Gemeinschaft blieb in Gottes Gegenwart. Sie konnten sich jederzeit an ihren Herrn wenden, ohne ein Gesetz zu übertreten. Obwohl ihr Herr vor ihren Augen in den Himmel fuhr, waren sie gewiss, dass er immer und überall bei ihnen sein werde. Darum hatten wartenden Zeugen stets einen Grund zum Gebet.

Wofür haben die Menschen in Jerusalem gebetet? Sie wurden in die Stadt zurückgesandt, um dort zu warten, dass Gott ihnen seinen Geist sende. Mit dieser Gabe ausgerüstet wird es ihnen möglich sein, die grosse Aufgabe in Angriff zu nehmen, die ihnen ihr Herr gegeben hat: Bis an das Ende der Erde seine Zeugen zu sein. Man könnte meinen, dass sie gar keinen Grund hatten, ihren Herrn um irgendetwas zu bitten. Ohne etwas zu sagen, hätten sich einfach abwarten können, dass sich erfüllt, was ihnen versprochen wurde.

Der Text gibt uns ein wertvolles Lehrstück für das Gebet: Gottes Gemeinde bittet ihren Herrn um das, was ihr von ihm verheissen wurde. Die Gemeinschaft, die auf die Erfüllung wartet, kann keine schweigende Versammlung sein. Gottes Kinder haben immer Grund ihren Erlöser zu preisen. Sie hat jederzeit Anlass, ihrem Herrn für seine Zusage zu danken. Wenn sie über die Verheissungen der Bibel nachdenken, drängt es sie, den Ewigen um die Güte zu bitten, sein Wort an ihnen zu erfüllen.

Im Gebet erkennt die christliche Gemeinschaft, dass sie von ihrem Herrn lebt. Sie bittet ihren Herrn um das, was er ihnen zugesagt hat. Darum ist es unerlässlich, auf Gott und sein Wort zu hören. Gott will, dass du ihn um genau jene Dinge bittest, die er dir versprochen hat. Das kannst du einüben, wenn du in der kommenden Woche die Bibel liesst. Wenn es heisst, dass Jesus die Seinen immer und überall begleitet, dann bitte ihn darum, dass er mit dir in deinen Alltag kommt. Wenn du davon liest, dass Christus seinen Nachfolgern mit seinem Geist ausrüstet, damit sie zu seiner Ehre leben können, dann bitte ihn um seine Kraft. Weil der Herr versprochen hat, als siegreicher König der Könige zurückzukommen, bittet ihn die Gemeinde seit jeher, dass sein Wort verwirklicht werden wird (1. Korinther 16,22): „Maranata! Unser Herr, komm!“ Mach jede Verheissung zu einem Gebet. Wenn Gottes Kinder das gemeinsam tun, wird die Einmütigkeit gestärkt.

Schluss

Sofort nach der Himmelfahrt Jesu wird deutlich, was die Gemeinschaft der Kirche ausmacht und zur Einmütigkeit verhilft. Es ist die Nachfolge und das Gebet. Nachdem der Herr seine Nachfolger auf der Erde zurückliess, wird sichtbar, was die Gemeinde zusammenhält und wozu sie sich versammelt. Sie richten sich nach dem Wort ihres Herrn und bitten ihn darum, dass er seine Verheissung an ihnen erfüllt. Das hält sie davon ab, eigene Wünsche und Ansichten voreinander hinzustellen, und stärkt sie darin, gemeinsam auf den Herrn zu vertrauen. Lasst uns eine Gemeinde sein, die durch Gottes Wort und das Gebet zusammengeführt wird und so bereit werden, überall zur Ehre unseres Herrn zu leben! Lasst uns alles dafür tun, in gemeinsam in der Einmütigkeit zu wachsen, um wie die Geschwister nach der Himmelfahrt gestärkt zu werden, zur Ehre unseres Herrn zu leben und ihn überall zu bezeugen.

Amen.

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