Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Das Hohelied: Das Loblied einer reinen Sexualität

Was ist die stärkste Kraft, die Menschen antreibt? Was wird häufig mit einem Trieb verglichen, den man kaum zu bändigen vermag? Welche Versuchung hat viele Mächtige und Heilige zu Fall gebracht? Es ist die Sexualität. Sie ist eine unheimliche Gewalt. Wegen ihr geben sich Menschen auf, oder lassen sich zu Intrigen oder gar zu Mord und Totschlag hinreissen. In der Bibel sehen wir, dass diese verheerende Macht seit jeher zum menschlichen Dasein gehörte. Wenn wir an Simson denken, der sich von seinen Feinden eine Frau nahm. Ihr gelang, was kein Krieger zustande brachte: Sie überwand die Kraft ihres Mannes und schwächte ihn, damit er von seinen Widersachern überwunden werden konnte. Oder wir lesen vom König David, der von seinem Haus aus eine nackte Frau sah und sie zu sich holte. Er wurde zum Ehebrecher und am Ende sogar zum Mörder ihres Ehemannes. Offenbar gibt es in uns drin eine Art Schalter. Der wird umgelegt, wenn wir sexuell gereizt werden. Simson dachte nicht mehr darüber nach, dass er sich auf eine Frau einliess, die ihm eigentlich feindlich gesinnt war. David nahm sich einfach, was ihn gelüstete. Als die Sache aufzufliegen drohte, verstrickte er sich immer tiefer in die Ungerechtigkeit. Es war ihm scheinbar nicht mehr möglich, seine Taten sorgfältig zu bedenken.

Die Macht der Sexualität hat sich im Lauf der Jahre nicht verändert. Im Verborgenen oder immer mehr ganz ungeniert in aller Öffentlichkeit wütet sie wie eh und je. Genau wie Simson trauen Menschen heutzutage bloss ihren Augen. Sie lassen sich auf Partner ein, die ihnen gefallen, ohne sich zu fragen, wie diese Gemeinschaft ihr Leben beeinflussen wird. Wir werden öffentlich ermutigt, unsere Lust frei auszuleben, wie David es tat. Die Gedanken an die Konsequenzen dürfen niemanden abhalten, sich dem Genuss hinzugeben. Mitmenschen sollen unsere sexuellen Vorlieben unterstützen. Wenn sie das nicht tun, verzichtet man lieber auf die Gemeinschaft mit ihnen, als einer Lust zu entsagen. Leute werden gepriesen, die ohne Rücksicht auf die Gesellschaft offen zu ihren Neigungen stehen und sich zu ihrer Untreue, ihrer Homosexualität, oder irgendeiner Entartungen auf sexuellem Bereich bekennen. Das Loblied der Welt zur Sexualität lautet: Lass dich mit Freude auf das ein, was auch immer deine Lust befriedigt.

Dem weltlichen Lobgesang der Lust stellt der Schöpfer ein Buch entgegen: Das Hohelied Salomos. Im hebräischen Text steht für das Wort Hohelied der Begriff „das Lied der Lieder“. Gott wird in der Bibel der König der Könige genannt. Mit dieser Bezeichnung wird ausgedrückt, dass er über allen Mächten steht. Genauso ist das Hohelied, das höchste und edelste Lied, das allen anderen Gesängen vorzuziehen ist. Es wird die grosse Kraft besungen, die es im Leben von uns Menschen gibt. Die Sexualität wird nicht verteufelt. Ganz im Gegenteil: Mit Freude wird von der Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, vom Herzrasen in seiner Gegenwart, vom Wunsch nach Umarmungen und Küssen gesprochen. Es wird mit schwelgenden Worten vom Geliebten geschwärmt. Gott hat uns mit diesen Gefühlen geschaffen. Darum sind sie nicht per se schlecht.

Das Hohelied gehört zu den Büchern der Weisheit. Im Buch der Sprüche lernen wir, dass die Weisheit darin besteht, Gott zu fürchten. Wie kann ich das tun, wenn ich verliebt bin und nur noch an jenen Menschen denken kann, der mir so gefällt? Wie kann ich das tun, wenn ich verheiratet bin und ich meine Lebensweise nicht mehr selbstständig gestalten kann? Wie kann ich als Gottes Kind mit der starken Kraft leben, die zu allerlei Ungerechtigkeit verleitet? Im Hohelied Salomos, einem einzigartigen Weisheitsbuch, finden wir Antworten auf diese Fragen. Es ist das Loblied einer reinen Sexualität. Darum ist es eben nicht ein Warnbuch, sondern spricht mit Freude von einer grossartigen Sache, die unser Schöpfer uns schenkt. Heute Morgen werden wir über zwei Aspekte nachdenken, auf die das Lied der Lieder hinweist.

  1. Die Schönheit der menschlichen Liebe
  2. Die Herrlichkeit von Gottes Liebe

Die Schönheit menschlicher Liebe

Der Wunsch, die Geschlechtlichkeit auszuleben, ist weder schmutzig noch ungeistlich. Das wird umso deutlicher, wenn wir daran denken, dass zur Zeit Salomos die Sexualität oftmals mit heidnischen Götzendiensten und Fruchtbarkeitsriten verbunden war. Der weise König lässt sich von dieser Entartung nicht abhalten, sich an einer reinen Sexualität zu freuen. Wenn wir meinen, in einer sexualisierten Gesellschaft bloss durch lustfeindliche Enthaltsamkeit bestehen zu können, verachten wir ein schönes Geschenk unseres Schöpfers. Die scheinbar geistliche Haltung ehrt Gott nicht und verstümmelt unsere Identität. Lasst uns nicht auf Einschränkungen vertrauen, um in Sicherheit zu sein, sondern von Gottes Wort lernen, das die Weisheit des Schöpfers offenbart!

Wenn wir den Text des Buches aufmerksam lesen, fällt uns auf, dass wir die Sexualität viel zu eng verstehen. Sie besteht nicht nur aus dem geschlechtlichen Akt und umfasst viel mehr als den Körper. Eine Frau sieht einen Mann, der ihr gefällt. Ein Mann schwärmt von der Schönheit einer Frau, die er beim Tanz beobachtet. Sie denken übereinander nach und stellen sich vor, wie es wohl sein wird, wenn sie zueinander gehören. Nach diesen Gedanken kommt es zu prickelnden Begegnungen. Ein Treffen weckt in der Frau eine so grosse Sehnsucht, dass sie ohne nachzudenken, mitten in der Nacht ihren geliebten Freund sucht. Schliesslich sehnen sich die beiden danach, nicht mehr alleine zu bleiben. Sie wollen einander erkennen. Das heisst, dass sie mehr wollen, als aneinander ihre Lust zu befriedigen. Das biblische Wort „erkennen“ ist nicht nur ein Schlafzimmerbegriff. Frau und Mann möchten verstehen, mit wem sie es zu tun haben, um sich gegenseitig Liebe zu schenken und dabei sich selbst besser kennenlernen. Die eheliche Liebe ist nicht nur eine körperliche Gemeinschaft, weil der Mensch nicht nur Leib ist. In der Ehe kommen zwei Geschöpfe zusammen, die Gott mit Leib und Seele schuf. Die schwärmerischen Worte des Hohelieds verdeutlichen, dass die Ehe ein innige Bund ist, der die ganze Person von Mann und Frau umfasst.

Die Sünde strebt danach, jedes Geschenk zu zerstören, mit dem der Schöpfer seine Geschöpfe erfreuen will. Das passiert, wenn die Sexualität aus der ehelichen Gemeinschaft herausgelöst und zum Selbstzweck wird. Die Sünde belügt dich, wenn sie dir weismachen will, dass du zuallererst deine eigene Befriedigung suchen sollst. Wahre Freude an der Sexualität liegt gerade nicht darin, dass in erster Linie deine Wünsche befriedigt werden, sondern in der tiefen Gemeinschaft, von der im Lied der Lieder gesungen wird. Wie schön, dass wir nicht bloss von Trieben gesteuerte Tiere sind, wie Evolutionsbiologen behaupten. Die Liebe ist eine herrlich unlogische Sache. Die Töchter Jerusalems, von denen im Hohelied die Rede ist, können ihre Freundin Sulamith nicht verstehen, was sie an Salomo beeindruckt. Es gehört zur Liebe, dass wir unser Herz verlieren und nicht in der Lage sind zu erklären, warum uns gerade jener Menschen nicht mehr aus dem Kopf geht. Und doch hilft es der verliebten Sulamith, ihre Sehnsucht mit ihren Freundinnen teilen kann. Es ist nicht weise, mit seinen Herzenswünschen alleine zu bleiben, oder bloss mit jenen Menschen darüber nachzudenken, die ein Loblied auf die Lust anstimmen. Sprich mit jemandem, der sich an der reinen Sexualität freuen und wie du zu Gottes Ehre leben will. Im Hohelied ist auch von der Familie die Rede. Sie setzt sich dafür ein, dass die Tochter und Schwester nicht wie eine Stadt im Sturm eingenommen wird. Wir brauchen den Schutz der Gemeinschaft, damit wir uns nicht gedankenlos unserem Begehren hingeben. Ermutigt einander, zur Ehre des Schöpfers zu leben! Die geschlechtliche Liebe ist ein herrliches Geschenk. Sie ist so schön, weil der herrliche Gott sie uns schenkt. Damit kommen wir auf die Herrlichkeit von Gottes Liebe zu sprechen.

Die Herrlichkeit göttlicher Liebe

Alles, was Gott den Menschen schenkt, gibt er ihnen, damit sie etwas von ihm erkennen. Das gilt auch für die Sexualität. Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Ephesus von der Ehe (Epheser 5,32): „Dies Geheimnis ist gross; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.“ Die Ehe, die von der Liebe geprägt ist, ist ein Vorbild für die Gemeinschaft der Gemeinde mit Christus. Alle Völker schwärmen in ihren Sprachen freudig von der Innigkeit zwischen Mann und Frau. Diese Zuneigung bezeugt uns, dass es eine Liebe gibt, von der wir nichts ahnen. Es ist genauso wie damals, als die Frau noch nichts von den Gefühlen des jungen Mannes vermutete. Als er sich ihr offenbarte, wurde auch bei ihr die Liebe wach. Die Menschen wissen nichts von Gottes Zuneigung. Durch das Evangelium erfahren sie davon. Wir beten darum, dass unser Herr ihnen seinen Geist schenkt, durch den seine Liebe in ihre Herzen ausgegossen wird (Römer 5,5), damit sich auch ihr Leben grundlegend verändert.

Die Seele, die mit der himmlischen Liebe beschenkt wurde, wünscht sich von Herzen ungestörte Gemeinschaft mit dem Geliebten. Gegenwärtig leben wir hier auf der Erde und Christus herrscht als König zur Rechten des himmlischen Vaters. Auf Erden bleibt uns die Sehnsucht danach, endlich zu Christus zu gehören und für immer bei ihm bleiben zu dürfen. Bis es so weit sein wird, freuen sich Gottes Kinder an jedem Wort ihres geliebten Herrn. Ihre Zuneigung wird grösser, wenn sie darüber nachdenken, was Christus getan hat, um sie für sich zu gewinnen. Es gibt keine grössere Liebe, als sein Leben für seine Freunde hinzugeben (Johannes 15,13). So lange wir leben, bringt uns die wunderbare Liebe des Herrn zum Staunen. Eine mit Liebe erfüllte Seele bewegt, wie es sein wird, wenn sie einmal für immer die Gemeinschaft mit ihrem Herrn geniessen kann. Wie herrlich wird es sein, von aller Sünde erlöst zu sein! Die Liebe zu unserem Erlöser und die Sehnsucht nach der vollkommenen Gemeinschaft mit ihm ist die Kraft, die uns antreibt, jetzt schon zu seiner Ehre zu leben.

Das Hohelied verknüpft auf wunderbare Art und Weise die Dinge, die uns auf der Erde freuen, nämlich die sehnsüchtige Liebe, mit einer himmlischen Wahrheit. Über beide Ohren verliebt zu sein ist eines der stärksten Gefühle, die wir in unserem Leben empfinden. Durch sein Wort erinnert uns der ewige Gott an seine herrlich gnädige Liebe. Darum ist jede selbstbezogene Entartung der Sexualität eine schlimme Sache für uns. Sie verschleiert die Wahrheit, dass wir aus Gottes Liebe leben, der sich für uns hingab. Es ist heilsam, von einer reinen Sexualität zu hören. Sie ist eben nicht auf sich selbst bezogen. Auf diese Weise wird das Lied der Lieder nicht bloss zu einem schwärmerischen Gesang über die menschliche Zuneigung, sondern zeigt die herrliche Liebe des Schöpfers zu deiner Seele, aus der du leben kannst.

Schluss

Zum Schluss wollen wir noch einige Fragen bedenken, die im Zusammenhang mit dem Hohelied gestellt werden.

  • Sollen Kinder dieses Buch lesen? Ist für sie die bildhafte Beschreibung der sexuellen Zuneigung nicht eine Überforderung? Als erstes müssen wir doch zugeben, dass die Schilderung der sehnsüchtigen Liebe auch Erwachsene überfordert. Es ist schwer auszudrücken und zu verstehen, was Menschen antreibt, zueinander gehören zu wollen. Zweitens rate ich Eltern, das Buch wie alle anderen Texte der Bibel ebenfalls, gemeinsam mit euren Kindern zu lesen. Unsere Kleinen leben mit uns zusammen in einer Welt, die jede Form entarteter Sexualität feiert. Darum ist es unbedingt nötig, dass unsere Söhne und Töcher erfahren, dass es einen reinen Umgang mit dem anderen Geschlecht gibt, an dem wir uns freuen können. Drittens sollen sie davon hören, dass die Liebe zwischen Mann und Frau darauf hinweist, wie Christus seine Gemeinde liebt. Das sind drei gute Gründe, gemeinsam mit unseren Kindern auch das Lied der Lieder zu lesen.
  • Sollen Unverheiratete das Hohelied lesen? Ich habe von einem Prediger gehört, der empfahl dieses Buch erst aufzuschlagen, wenn man verheiratet ist. Mit diesem Rat wollte er verhindern, dass jemand von der Versuchung der Sexualität übermannt wird. Ich halte diese Empfehlung für eine unpassende Einschränkung, mit der wir klüger sein wollen als unser Schöpfer. Gerade ledige Geschwister müssen doch erfahren, wie sie mit ihrem Wunsch nach einem Partner umgehen sollen. Sie brauchen die Weisheit von Gottes Wort, um sich vom Loblied der Welt abzuwenden. Gerade für euch gilt der Hinweis, dass ihr mit euren Sehnsüchten nicht alleine bleiben sollt. Deine Geschwister in der Gemeinde und deine Familie sind dir zur Seite gestellt, damit sie dich beraten, Schritte zu unternehmen, die deinem Herrn gefallen. Schliesslich sollen auch ledige Brüder und Schwestern durch die Gemeinschaft von Mann und Frau auf die Liebe hingewiesen werden, die Christus zur Gemeinde hat. Davon schrieb Paulus, der unverheiratet war. Lass dich von deinen Sehnsüchten nicht gefangen nehmen, sondern staune über die Liebe, die alle menschliche Zuneigung bei Weitem übertrifft.
  • Inzwischen vermute ich, dass es die Verheirateten es besonders schwer haben, das Hohelied zu verstehen. Vieles von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, haben wir erlebt. Wir erinnern uns daran, wie sich das erste Verliebtsein anfühlt. Wie Sulamith standen wir einst mit aufwallenden Gefühlen vor dem geliebten Menschen. Inzwischen sind wir aber schon lange verheiratet. Unser Partner raubt uns nicht mehr den Verstand. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Oftmals wird die Ehe zu einer Institution, die selbstverständlich zum Leben gehört. Das Lied der Lieder lehrt uns, dass die Zuneigung nach Gottes Wille nicht nachlassen soll. Es ist die Sünde, die das schöne Geschenk unseres Schöpfers zunichtemacht, das wir einst gemeinsam genossen haben. Lasst uns mit offenem Herzen die Seiten des Hoheliedes aufschlagen und bekennen, dass wir einander durch den selbstverständlichen Umgang miteinander ganz viel Liebe schuldig geblieben sind! Lasst euch daran erinnern, dass ihr mit eurer Gemeinschaft eine Verantwortung übernommen habt, die euer Vermögen übersteigt! Alle Welt soll an euch sehen, wie Christus die Gemeinde liebt und wie die Seinen sich ihm unterordnen. Wenn wir das bedenken, sollte uns klar werden, dass wir Gottes Hilfe brauchen und auf keinen Fall achtlos an seinem Hohelied vorübergehen dürfen. Lasst es euch sagen, dass eure Ehe nicht bloss dazu da ist, um euch Befriedigung zu verschaffen. Lasst es euch sagen, dass eure Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist ein herrliches Geschenk eures Schöpfers, an dem ihr euch dankbar freuen sollt. Lasst euch durch das Lied der Lieder zeigen, wie schwer es euch die Sünde macht, als Liebende zu leben. Es ist Gottes Plan für uns Menschen, dass wir auf dieser Erde als Liebende leben. Wir sind geboren, damit wir es lernen, unseren Schöpfer mit unserem ganzen Wesen zu lieben. Er ist es, der will, dass wir diese Lebensweise mit unseren Nächsten teilen und sie deshalb tatsächlich lieben wie uns selbst. Nehmen wir doch seine Hinweise dankbar an und beten wir ernsthaft darum, dass er uns hilft, damit wir jeden Tag zu seiner Ehre als wahrhaft Liebende leben können.

Amen.

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