Eine Witwe begegnet dem Evangelium

Januar 22, 2012
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Inhalt

Predigt zu Lukas 7,11-17.

Das Evangelium ist die Botschaft davon, dass Christus den Tod überwunden hat und Menschen aus der Herrschaft des Todes ins Leben ruft.

Zum Nachdenken

  • Wie denkst du über Leben und Tod?
  • Wonach sehnst du dich? Warum werden deine Sehnsüchte nicht gestillt?
  • Inwiefern hat Christus und das, was er sagt, etwas mit deinen Sehnsüchten zu tun?

 

Predigt

Das Elend des Todes

Nachdem ein Knecht durch ein blosses Wort gesund geworden ist, zieht Jesus mit einer Menschenmenge weiter. Sie waren offensichtlich so begeistert von diesem Mann, dass sie noch mehr von ihm sehen und hören wollten. Gemeinsam mit ihm reisten sie in den Süden von Galiläa und kamen zu einer Stadt mit Namen Nain. Vor der Stadt begegneten sie einem Trauerzug. Die Trauer, der sie hier begegneten war besonders gross. Zu Grabe wurde der einzige Sohn einer Witwe getragen. Die Frau hatte alles verloren, was sie in diesem Leben hatte. Nach dem Tod ihres Mannes war ihr Sohn ihr einziger Trost und mittlerweile, wo er nicht mehr so klein war, auch ihre einzige Hilfe. Die trauernde Witwe wusste nicht, was aus ihr werden sollte, jetzt, wo sie niemanden mehr hatte, der für sie sorgen konnte. An dieser Witwe wird klar, dass der Tod nicht nur das Ende des Lebens bestimmt, sondern seine Spuren schon mitten in unserem Leben hinterlässt. Es scheint so, als hätte diese Frau mitten in ihrem Dasein, ihr Leben bereits verloren.

Üblicherweise denken wir nicht an den Tod, sondern geniessen das Leben. Der Tod ist etwas, was weit weg von uns in der Zukunft auf uns wartet. Wir wissen wohl, dass wir alle einmal sterben müssen und sagen, dass zum Leben gehört. Genau genommen, kann das allerdings nicht stimmen. Der Tod gehört so wenig zum Leben wie Schwarz zu Weiss, Dunkelheit zu Licht, oder Frost zur Hitze. Alle diese Dinge sind Gegensätze. Wenn wir sagen, dass Leben und Tod zusammengehören, dann denken wir wohl weder schwarz noch weiss, sondern grau. Wir haben weder eine genaue Vorstellung vom Leben, noch vom Tod und uns offenbar damit abgefunden, dass das Weiss nicht mehr so rein ist, das Licht trübe geworden und wir bloss noch ein lauwarmes Leben fristen. Die Autoren der Bibel beschreiben das Leben so hell, wie kein Mensch es geniessen kann und den Tod so grausam, wie wir ihn nicht zu denken wagen. Das Leben wird als ein Dasein ohne Furcht und Schrecken, ohne Angst und Schmerz, ohne Mühe und Schweiss gesehen. Es ist ein Zustand der Freude und der Fülle, ein Zustand, indem dem Menschen nichts fehlt und wo niemand jemals bedrückt ist. Es ist auch ein Zustand der Erkenntnis. Der Mensch weiss wer er ist und wer ihn gemacht hat. Darum bleibt keine Frage, woher Menschen kommen und was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Wer lebt, hat die Klarheit des Lebens und freut sich daran. Auf den ersten Seiten der Bibel erfahren wir, dass Gott den Menschen geschaffen hat und ihn im Paradies ein solches Leben geniessen liess. Nachdem der Mensch sich aber gegen Gott wandte, selbst so werden wollte wie sein Schöpfer, konnte er nicht am Ort der Fülle bleiben. Das heisst, dass er die Quelle des Lebens, die Quelle seiner Freude, die Quelle seiner Kraft und die Quelle der Klarheit verlassen musste. Auf sich selbst gestellt trat er in die Wüste des Todes, wo alles fehlt, was ihm Gott einst gab. An diesem Ort verliert er sein Leben, das sein Schöpfer ihm gegeben hatte und er geht langsam unter Mühe und Not zu Grunde. Das ist der Tod. Alles, was gegen das Leben, gegen die Freude und gegen den Frieden ist, kommt daher, dass der Mensch sich von Gott, der Quelle seines Lebens abgewandt hat. Darum leben wir hier auf Erden nicht in der Fülle und in ständiger Freude. Darum wissen wir nicht so genau, was wir mit unserem Dasein anfangen sollen. Darum ist jeder Streit, jeder Schweisstropfen, jede Unsicherheit, jede Grenze, die wir nicht überwinden können, ja, sogar jede Blume die welkt und vergeht, ein Zeichen dafür, dass bereits unser irdisches Dasein vom Tod geprägt ist.

Tief in uns schlummert allerdings eine Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach Frieden, die Sehnsucht immer mit allem versorgt zu sein, die Sehnsucht das Schöne und Gute bewahren zu können und die Sehnsucht zu wissen, welchen Sinn unser Dasein hat. Gerade diese Sehnsucht ist ein Zeichen, dass uns etwas fehlt. Niemand kriegt in seinen eigenen vier Wänden Heimweh, sondern bloss, wenn in der Fremde ist, wo man sich nicht auskennt und nicht weiss, was mit einem geschehen wird. So sitzen wir auf dieser Erde, mitten im Leben und sind doch irgendwie in der Fremde, weit weg von dem, was uns glücklich macht und weit weg von einem Ort, wo unsere Seele zur Ruhe kommen kann.

 

Jesus erbarmt sich und hilft

Jesus, der Herr des Lebens, begegnet uns Menschen genau in einer solchen Situation. Wir leben zwar, aber gleichzeitig rinnt uns dieses Leben durch die Finger. Jesus begegnete der Witwe vor den Toren der Stadt. Plötzlich dreht sich die Gesichte nicht mehr um die Menge, die mit Jesus ankam und um die Menge, die die Witwe zum Grab begleitete, sondern nur noch um Jesus und diese vom Tod gezeichnete Frau. Ihr Elend liess Jesus nicht kalt, sondern ihr Elend traf ihn, es jammerte ihn. Er hatte Mitleid mit der Frau und sagte zu ihr: Weine nicht!

Es scheint so, als ob es Jesus genau so gehen würde, wie uns allen. Vor Menschen, die eine grosse Not zu tragen haben, wissen wir einfach nicht, was wir sagen sollen. Obwohl wir mit ihnen leiden, uns ihr Elend schrecklich leid tut, finden wir keine Worte, die weiterhelfen könnten. Alles, was im Angesicht des Todes und des Elends gesagt wird, scheint nichts zu sein. Worte sind in solchen Situationen so unbeständig wie ein Tropfen Wasser, der auf ein glühendes Eisen fällt. Nach einen kurzen und leisen Zischen ist er nicht mehr da und hat nichts bewirken können. Genauso können Worte, im Angesicht des Todes gesprochen, kaum etwas bewirken. Der Trauernde weiss zwar, dass er nicht alleine dasteht, aber seine Situation verändert sich dadurch nicht. Der geliebte Mensch ist gestorben und kein noch so freundliches Wort kann ihn wieder zurückbringen.

Nun stellt sich natürlich die Frage, was hinter den Worten von Jesus steht. Eigentlich sind sie eine Überforderung für die trauernde Witwe. Warum sollte sie, die jede Hilfe und jeden Trost verloren hat, nicht weinen? Hat die Aufforderung nicht zu weinen irendeine Auswirkung auf das Leben der Witwe und ihr Elend? Haben die Worte, die Christus sagt, mehr Kraft, als die von uns Menschen?

Jesus belässt es nicht bei den Worten. Ohne gebeten zu werden, tritt er zu ihrem toten Sohn. Üblicherweise wartete er, bis er von irgendeinem Menschen zum Handeln aufgefordert wurde, bis jemand ihn um Hilfe bat. Dadurch wurde jeweils deutlich, dass das Vertrauen auf ihn belohnt wird. Aber diesmal, im Angesicht des Todes, wartete er auf keine Bitte. Jesus wusste, wie es um die Menschen steht. Er wusste, dass vor dem blanken Tod keine Hoffnung bestehen kann und niemand mehr ein Wort finden wird. Vor dem Tod erstarren wir in Hilflosigkeit. Jesus erbarmt sich und lässt die Witwe nicht in ihrer Hoffnungslosigkeit stehen, sondern nimmt sich ihrer Not an.

Jesus hilft auf eine sehr eindrückliche Art. Er geht auf den Sarg zu. Was in unseren Bibeln mit Sarg übersetzt wird, war zu jener Zeit ein Tuch, in das man die Toten einwickelte, bevor man sie in die Erde legte. So berührte Jesus nicht eine Kiste, sondern den Toten selbst. Nach dem jüdischen Gesetz ist jeder, der einen Toten berührt für sieben Tage unrein. Das heisst, dass er sich waschen muss, sieben Tage zu Hause bleiben muss und vor allem, das ist wichtig, um die jüdische Frömmigkeit zu verstehen, darf er nicht an einem Gottesdienst teilnehmen. Gott hat Mose dieses Gesetz gegeben, um sein Volk zu lehren, dass er, der lebendige Herr, und der Tod nicht zusammen gehören. Jesus galt als Rabbi. Die Rabbiner lehrten die Leute diese Frömmigkeit, die sich dadurch auszeichnete, dass man sich von aller Unreinheit fern hält. So ist der Mensch zu jeder Zeit bereit, seinem Gott zu begegnen. In dem Moment, als Jesus den Toten anfasste, erwarteten die Leute, dass er nichts mehr in Gottes Namen tun kann. Er war sozusagen ausser Gefecht gesetzt. Aber Jesus war noch nicht am Ende. Er wurde durch die grösste Unreinheit nicht davon abgehalten, zu helfen.

Nach dieser Geste, sprach Jesus den Toten direkt an. Auch das ist etwas, was Menschen nicht erwarten würden. Wenn sich Jesus mit seinen Jüngern abgesprochen hätte, hätten sie ihm sicher davon abgeraten. Sie hätten ihm gesagt, dass er sich leicht lächerlich machen würde. Jeder weiss doch, dass ein Toter nicht hören und vor allem, nichts auf Worte antworten oder tun kann. Jesus aber tat es. „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“ Jesus spricht mit Macht und Autorität. Es ist nicht ein gewöhnlicher Mensch, der dem Toten diesen Befehl gibt, sondern Gottes Sohn. Sofort wird sichtbar, dass seine Worte nicht wirkungslos vergehen, wie unsere es tun. Hinter den Worten Jesus steht Macht und Kraft. Der Tote richtet sich auf. Er aufersteht zum Leben. Die Worte, die Christus sagt, rufen den Menschen zurück ins Leben. Nachdem sich der Tote aufgerichtet hatte, began er zu reden. Nun war allen klar, dass es sich nicht um einen billigen Trick handelte, sondern das der junge Mann wirklich wieder lebte.

So bekam auch das tröstende Wort an die Witwe ihren Grund. Nun brauchte sie wirklich nicht mehr zu weinen. Nun hatte sie wirklich Trost gefunden. Jesus hatte ihn ihr gegeben. Die Geschichte zeigt, dass Jesus unsere Sehnsucht nach Leben stillen kann. Keine Hoffnungslosigkeit, kein Streit, kein sinnloser Zustand ist so gross, dass sein Wort nicht jenes Leben bringen könnte, das den Tod überwindet.

 

Die Hoffnung des Lebens

Augenblicklich konnte die Witwe wieder hoffen. Sie hatte wieder Freude, Sicherheit und Trost für ihr Leben gewonnen. Das sehen die vielen Menschen, die Jesus und die Witwe begleiteten. Nun lenkt Lukas unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Menge. Die Menschen waren begeistert von dem, was sie da sahen. Sie erkannten, dass Jesus ein besonderer Mensch ist und sagten: „Es ist ein grosser Prophet unter uns aufgestanden.“ Damit meinten sie, dass ein Prophet seinen Dienst, nämlich in Gottes Namen zu reden und zu handeln, gerade hier bei ihnen begonnen habe. Sie erinnerten sich daran, was Hesekiel Jahrhunderte vor ihnen berichtete. Gott führte ihn in einer Vision in ein Tal, wo viele trockene Gebeine von Menschen lagen. Diesen Gebeinen musste der Prophet sagen, dass Gott sie wieder zum Leben bringen wird. Nachdem er das getan hatte, rauschte es und die Knochen kamen zusammen und wurden mit Sehnen und Fleisch überzogen. Und als Hesekiel ein zweites Mal zu den Toten sprach, wurden sie zum Leben auferweckt. Genau das, hatten die Leute selbst vor Augen. Hesekiel wurde gesagt, dass Gottes Volk tot daliegen wird und wieder Leben erhalten wird. Darauf hofften die Juden schon seit Jahrhunderten und darum freuten sie sich und lobten Gott, als dieser junge Mann auf das Wort von Jesus hin, zum Leben zurück kam.

Allerdings war die Erkenntnis der Juden beschränkt. Sie erkannten nicht, wen sie wirklich vor sich hatten. Christus war nicht bloss ein Prophet, er war mehr als das. Er hat mehr getan, als bloss den Toten angerührt. Er hat den Tod am Kreuz, der ein Zeichen dafür war, dass der Mensch, der daran hing, von Gott verflucht ist, auf sich genommen. Er liess sich töten und hat damit die Strafe für meinen Wunsch nach Unabhängigkeit von Gott, der durch die Sünde in mir ist, auf sich genommen. Wei er selbst nicht im Grab blieb, sondern nach drei Tagen auferstand, hat er mich vom Schrecken des Todes erlöst. Er wurde vom himmlischen Vater im Himmel aufgenommen, wo er jetzt für all jene bittet, die hoffnungslos dem Elend des Todes ausgesetzt sind. Sein Gebet wird ganz gewiss erhört. Darum kann ich hoffen.

Nicht nur der Tod, sondern auch das Leben hat Auswirkungen auf das Dasein auf der Erde. Die Menschen bei Nain, die noch nicht genau erkannten, was vor ihren Augen gesah, machen es allen vor, die durch Christus mit Gott versöhnt und zum Leben gekommen sind. Sie loben ihren Gott. Das ist das Ziel des Lebens hier auf Erden. Ich muss nicht länger im Ungewissen bleiben, sondern habe gefunden, was ich tun soll, woran ich mich von Herzen freuen kann und was mir eine Hoffnung über dieses Leben hinaus zu geben vermag. Es ist Christus selbst, der sich über meine Situation erbarmt, sich für mich hingab, meine Unreinheit und die Strafe auf sich nahm und den Tod für mich besiegte, damit ich leben kann. Das ist das Evangelium, das Christus auf der Erde verkündigte und vom Evangelisten Lukas und anderen aufgeschrieben wurde. Es sind Worte meines Herrn, die genau so stark und vollmächtig sind, wie jene, die er zum Toten vor den Toren Nains sprach. Auch die Worte des Evangeliums werden erfüllt, selbst wenn sie schwach und nichtig erscheinen. Jesus Christus sagt (Joh 14,19): „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

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Bibelstelle

  • Luke 7:11 - 17

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