Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Am neuen Jahre

Christian Früchtegott Gellert

Er ruft der Sonn und schafft den Mond,
das Jahr darnach zu teilen;
er schafft es, dass man sicher wohnt,
und heisst die Zeiten eilen;
er ordnet Jahre, Tag und Nacht;
auf! lasst uns ihm, dem Gott der Macht,
Ruhm, Preis und Dank erteilen.

Herr, der da ist, und der da war!
Von dankerfüllten Zungen
sei dir für das verflossne Jahr
ein heilig Lied gesungen;
für Leben, Wohlfahrt, Trost und Rat,
für Fried und Ruh, für jede Tat,
die uns durch dich gelungen.

Ich steh an deiner Krippen hier

Paul Gerhardt

1. Ich steh an deiner Krippe hier,
o Jesu, du mein Leben
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und lass dir’s wohl gefallen.

2. Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Weihnachtsbotschaft: Sieh nicht dich an!

Jochen Klepper

Sieh nicht an, was du selber bist,
in deiner Schuld und Schwäche.
Sieh den an, der gekommen ist,
damit er für dich spreche.
Sieh an, was dir heut widerfährt,
heut, da dein Heiland eingekehrt,
dich wieder heimzubringen
auf adlerstarken Schwingen.

Sieh nicht, wie arm du Sünder bist,
der du dich selbst beraubest.
Sieh auf den Helfer Jesus Christ!
Und wenn du ihm nur glaubest,
dass nichts als sein Erbarmen frommt
und dass er dich zu retten kommt,
darfst du der Schuld vergessen,
sei sie auch unermessen.

Ermunterung, die Schrift zu lesen

Christian Fürchtegott Gellert

Soll dein verderbtes Herz zur Heiligung genesen,
Christ, so versäume nicht, das Wort des Herrn zu lesen;
bedenke, dass dies Wort das Heil der ganzen Welt,
den Rat der Seligkeit, den Geist aus Gott enthält.

Merk auf, als ob dir Gott, dein Gott, gerufen hätte;
merk auf, als ob er selbst zu dir vom Himmel redte!
So lies; mit Ehrfurcht lies, mit Lust und mit Vertraun,
und mit dem frommen Ernst, in Gott dich zu erbaun.

Sprich fromm: O Gott! vor dem ich meine Hände falte,
gib, dass ich dein Gebot für dein Wort ewig halte;
und lass mich deinen Rat empfindungsvoll verstehn,
die Wunder am Gesetz, am Wort vom Kreuze sehn!

Er, aller Wahrheit Gott, kann dich nicht irren lassen.
Lies, Christ, sein heilig Buch, lies oft; du wirst es fassen,
so viel dein Heil verlangt. Gott ist’s, der Weisheit gibt,
wenn man sie redlich sucht und aus Gewissen liebt.

Nur eine Illusion?

kredo, Dezember 2010, 5. Ausgabe

Illusionen täuschen. Sie treiben ein Spiel mit unserer Wahrnehmung. Scheinbar lassen sie Unglaubliches geschehen. Aber wir ahnen bereits, dass nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann.

Nur eine Illusion?

Geschichten, die unseren Horizont sprengen, sind heutzutage besonders beliebt. In Büchern und Filmen wird von fantastischen Welten berichtet. Es tut gut, ein paar Stunden lang unserer gewohnten Umwelt zu entfliehen und den Alltag, der uns entweder überfordert oder langweilt, hinter uns zu lassen. Von solchen Geschichten lassen wir uns gerne verzaubern, weil uns klar ist, dass sie bloss der Fantasie eines Menschen entspringen.

Sehnsucht nach Freundschaft – Teil 4

Erster Vortrag der KredoKonfernz 2010, vom 18. September 2010, zum ersten Kapitel des Hohenliedes. Teil 4 von 4.

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Die begehrenswerte Freude

Hohelied 1,12-17

Die Freude über den Geliebten

Sulamith freut sich über ihren neuen Freund. Es ist das erste Mal, dass sie ihn so zu nennen wagt. Ihre Achtung vor dem König ist so gross, dass sie erst so von ihm spricht, als er sie seiner eigenen Liebe zu ihr versicherte. Staunend, das ist der Ton, in dem der zwölfte Vers gesungen wird, erzählt sie davon, dass sie offensichtlich dem König gefiel. Er hat sie bemerkt und ihren bescheidenen Geruch wahrgenommen. Im hebräischen Text heisst es, dass der König die Salbe Sulamiths roch, während er an der Tafel sass. Offensichtlich hatten die beiden eine richtige Verabredung im königlichen Palast. Das einfache Mädchen vom Lande durfte beim König in seinem Palast essen. Erstaunlich!

Aber Sulamith erzählt nicht lange von ihrer Begegnung mit dem König und von dem was dort passierte. Sie ist fasziniert von ihrem königlichen Liebhaber. Er selbst ist ihr das Wertvollste. Ihre Hochachtung dem König gegenüber ist gewachsen. Er hat sie angenommen, aber bleibt der herrliche König und sie die einfache Frau. Das erkennen wir daran, wie sie von ihm redet. Während sie einfache Narde – eine wohlduftende Salbe – trägt, ist ihr Freund ihr wie ein Büschel Myrrhe, der viel intensiver duftet. Was immer sie dem König bieten könnte, er übertrifft mit seiner Person ihre Gabe und ihre Schönheit bei weitem. Diesen Büschel darf sie an ihrer Brust tragen, er gehört ihr und ist nah bei ihrem Herzen. Dort gehört ihr Freund hin. Ausserdem vergleicht sie ihren Freund mit einer Traube von Zypernblumen. Diese Pflanze stammt ursprünglich aus tropischen Regionen Afrikas und wurde zur Zeit Salomos wegen ihrer schönen Farbe in Gärten kultiviert und für eine Art Make-up verwendet. Bekannt waren die Gärten Salomos bei En-Gedi. Dort gab es jene wertvollen und wunderschönen Pflanzen. Wie eine dieser Pflanzen, die selbst schön ist und für Schönheit sorgt, so ist ihr Freund. Mehr kann sich keine Frau erhoffen. Der königliche Freund lässt ihre kühnsten Träume Wirklichkeit werden.

Sehnsucht nach Freundschaft – Teil 3

Erster Vortrag der KredoKonfernz 2010, vom 18. September 2010, zum ersten Kapitel des Hohenliedes. Teil 3 von 4.

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Die begehrenswerte Gemeinschaft

Hohelied 1,5-11

Einwände gegen die Gemeinschaft

Mit den Frauen schwärmt auch Sulamith vom herrlichen König. Auch sie kann sich nichts besseres wünschen, als von Salomo geliebt zu werden. Allerdings gibt es gegen diesen Wunsch einige Einwände, die nun der Reihe nach eingebracht werden.

Der innere Einwand
Der erste Einwand kommt von Sulamith selbst. Sie sieht sich an und schätzt sich ein. Sie ist von ihrer Arbeit im Weinberg braun gebrannt. Im hebräischen Text heisst sie sich sogar schwarz. Ganz im Gegenteil zu den Töchtern Jerusalems ist sie nicht weiss, was ein Zeichen von Reinheit und edler Herkunft ist. Sie vergleicht sich darum selbst mit den Zelten Kedars. Das waren die Behausungen eines wilden Volkes, die aus dunklem Ziegenfell gemacht wurden.

Sie spricht demütig von sich selbst, allerdings ohne sich zu verwerfen. Ihre Bräune hat sie sich bei der Arbeit zugezogen. Darum bittet Sulamith inständig, dass sie nicht nach ihrem Äusseren beurteilt werden soll. Eigentlich, so sagt sie, sei sie lieblich – was nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Art betrifft. Ihr Aussehen wird sich bestimmt rasch ändern, wenn sie nur vom König aufgenommen wird. Seine Salben werden dafür sorgen, dass sie bald wie eine richtige Königin aussehen wird.

Es sind innere Selbstzweifel, die Sulamith abhalten wollen, Salomo wirklich zu begegnen. Diese Zweifel haben durchaus ihren Grund – sie ist tatsächlich kein Mädchen aus vornehmen Hause. Genauso berechtigt sind die Selbstzweifel, wenn wir uns wünschen Christus zu begegnen. Eigentlich passen wir so gar nicht zu ihm. Der Heilige und Gerechte wird doch keine Gemeinschaft mit Sündern wünschen. Wer sich selbst im Spiegel seines eigenen Gewissens anschaut, wird entdecken, dass die Haut seiner Seele nicht rein ist, sondern von der Sünde braungebrannt wurde.

Sehnsucht nach Freundschaft – Teil 2

Erster Vortrag der KredoKonfernz 2010, vom 18. September 2010, zum ersten Kapitel des Hohenliedes. Teil 2 von 4.

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Vorgehensweise bei der Auslegung

Das Hohelied ist ein Lied, in dem mehrere Leute zu Wort kommen. Einmal singt eine Frau, die die meisten Ausleger Sulamith nennen, weil sie im siebten Kapitel so genannt wird; ein anderes Mal hören wir von einem König, der mit Salomo in Verbindung gebracht wird; schliesslich kommen Töchter Jerusalems zu Wort – vermutlich junge Mädchen aus vornehmen Hause. Diese drei Personen und Personengruppen wechseln sich ab. Man muss den Text gut beobachten, um erkennen zu können, wer wann spricht und wer was zu wem sagt. In einem ersten Teil hören wir die Frauen vom begehrenswerten König schwärmen. Das tut auch Sulamith. Aber für sie gibt es einige Hindernisse, die einer Begegnung und vor allem einer Freund- und Liebschaft mit dem König im Wege stehen. Davon ist in einem zweiten Abschnitt die Rede. Der König selbst muss die Bedenken ausmerzen. Im letzten Abschnitt wird schliesslich von der Freude der beiden Liebenden gesungen.

Der begehrenswerte König

Hohelied 1,2-4

Die Frauen schwärmen vom herrlichen König. Er ist der begehrteste Mann im ganzen Land. Wenn es schon damals, wie heute in den Medien, eine Liste mit den begehrtesten Männern gegeben hätte, so hätte er diese bestimmt mit Abstand angeführt. Das Bild, das die Frauen hier malen ist grossartig. Von ihm geliebt zu werden, ist besser als jeder andere Genuss. Zweimal wird erwähnt, dass seine Liebe besser ist als Wein, der zur Zeit Salomos ein Zeichen von wahrer Lebensfreude war. Wer den Wein geniessen kann, hat lange und hart gearbeitet und kann nun ausruhen und sich einfach freuen – es sich gut gehen lassen. Das alles ist aber nichts gegen die Liebe dieses Mannes. Salomo roch wunderbar. Die Liebe geht, und das ist ein offenes Geheimnis, nicht bloss durch den Magen, sondern auch durch die Nase. Wer frisch verliebt ist, sich noch nicht an den Geruch des Partners gewöhnt hat, der freut sich auch noch nach Stunden, nachdem der Partner längst gegangen ist, seinen Duft an den eignen Kleidern zu tragen. Jene Freude empfinden diese Frauen schon, wenn bloss der Name des herrlichen Königs genannt wird. Er ist ein Wohlgeruch, wie ausgeschüttete Salbe oder Parfüm. Erst wenn es freigesetzt wird, entfaltet es seinen herrlichen Duft. Dieser Mann, der König, das weiss jede Frau, ist der begehrenswerteste Mann der ganzen Welt.

Sehnsucht nach Freundschaft – Teil 1

Erster Vortrag der KredoKonfernz 2010, vom 18. September 2010, zum ersten Kapitel des Hohenliedes. Teil 1 von 4.

Vorbemerkungen

Hohelied 1,1

Wir haben das Hohelied Salomos vor uns. Es ist das Lied der Lieder, das schönste, das edelste Lied, das Salomo jemals schrieb. So wie in der Bibel vom König der Könige geredet wird, um damit zu sagen, dass Gott über allen Göttern und allen Mächten der Erde steht, so ist auch dieses Lied – es steht über allen anderen Lieder. Darum ist das Hohelied nicht leicht zu verstehen. Es gleicht einem hohen Berg – dem höchsten Berg. Wer ihn besteigen will, muss sich gut vorbereiten und die Aufstiegsroute gut kennen, um in der Bergwand nicht den Überblick zu verlieren. Wenn das passiert, ist der Bergsteiger verloren. Genauso kann das Hohelied nicht verstanden werden, wenn wir den Zusammenhang nicht beachten. Darum ist es also nötig, bevor ich das erste Kapitel dieses wunderbaren Liedes auslege, einige grundsätzliche Bemerkungen zu machen, die uns die Richtung weisen werden.