Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Hörst du richtig? Teil 8: Zitat Bullinger

Von Heinrich Bullinger.

Nun muss noch etwas darüber gesagt werden, wie diese vollkommene Lehre von der Gottesfurcht und vom Heil, die das Wort Gottes selbst ist, von den Gläubigen angehört werden soll, damit das Hören einige, ja überreiche Frucht trägt. Ich will es in aller Kürze sagen: Man soll das Wort Gottes mit grosser Ehrerbietung anhören, wie man sie Gott und allem Göttlichen schuldig ist. Man soll es mit grosser Beflissenheit anhören, unter anhaltendem und hingebungsvollem Gebet. Man soll es mit Nutzen und besonnen anhören, damit wir uns bessern und Gott durch uns verherrlicht wird und nicht dazu, damit wir neugierig die verborgenen Ratschlüsse Gottes erforschen oder für Leute gehalten werden, die besonders gelehrt und in vielen Dingen erfahren sind. Unserem Hören und Lesen soll ein bestimmtes Mass und Ziel gesetzt sein: wahrer Glaube, die Ehre Gottes und unsere Seligkeit.

Im zweiten Buch Mose wird Mose, dem heiligen Knecht Gottes, geboten, das Volk zu heiligen und es auf die Predigt vorzubereiten, die Gott selbst am nächsten Tag an das Volk richten wollte. Darum versammelte Mose das ganze Volk und rief es zu gebührendem Gehorsam auf, den es Gott und auch den Dienern Gottes entgegenbringen sollte. Danach gebot er ihnen, ihre Kleider zu waschen und sich von ihren Frauen fern zu halten. Danach zog er ihnen eine Grenze, die unter Androhung der Todesstrafe niemand übertreten durfte (vgl. Ex 19,10—15). Aus all dem erkennen wir deutlich, was für Zuhörer der Herr haben will: solche nämlich, die in allen Dingen gehorsam und gottesfürchtig sind. Denn Gott richtet sein Wort an uns Menschen, und wir sind Gott alle Ehrfurcht und Ehrerbietung schuldig. Wer sich nun Gott nicht demütig und als Bittsteller unterwirft und ihm gehorsam ist, der ist ein Gottloser. Für rechte Hörer des Wortes Gottes ist ausserdem noch erforderlich, sich allem weltlichen Umgang zu enthalten, was durch das Waschen der Kleider angedeutet wird, nämlich: dass wir allen Unrat, alle Unreinheit der Seele und des Leibes ablegen, ja dass wir uns auch der erlaubten Genüsse enthalten. Der Heilige Geist liebt gereinigte Herzen; sie können aber nur durch ihn selbst gereinigt werden. Dazu ist ein aufrichtiger Glaube an Gott nötig, ausserdem die Bereitschaft, gemäss dem zu leben, was im Wort Gottes geboten wird. Auch beim Wissen soll man Mass halten, vorwitzige Fragen von sich weisen und nur lernen, was von Nutzen ist (vgl. Röm 12,3).

Und schliesslich soll man mit grossem Fleiss zuhören und lernen. Denn Salomo sagt (vgl. Spr 2,4f.): „Wenn du der Weisheit nachforschen wirst so wie dem Gold, so wirst du sie erlangen.“ Und (vgl. Spr 25,27): „Wer die Majestät ergründen will, der wird von der Grösse der Herrlichkeit bedrückt.“ Und ebenso (vgl. Sir 3,21—23): „Dem, was dir zu hoch ist, frage nicht nach, und was deine Möglichkeiten übersteigt, untersuche nicht, sondern was dir Gott geboten hat, nach dem trachte allezeit, und richte nicht deinen Vorwitz auf seine vielen Werke, denn du brauchst nicht das Verborgene mit deinen Augen anzusehen.“ Ebenso sagt Paulus (Röm 12,3): „Niemand soll den Sinn höher richten, als zu sinnen sich geziemt, sondern jeder soll darauf sinnen, besonnen zu sein, so wie Gott jedem ein gewisses Mass an Glauben zugeteilt hat.“ Hierher passt auch das Wort, das dieser Apostel an anderer Stelle sagt (1 Kor 8,1): „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf.“

Vor allem aber soll man sich vor denjenigen Übeln hüten, die den Samen des Wortes Gottes in den Herzen der Zuhörer ersticken und das Wort auslöschen, so dass es ohne Frucht bleibt. Solche Übel und Gebrechen hat der Herr im Gleichnis vom Sämann angegeben oder aufgezählt (vgl. Mt 13,1—23). Die herumschweifenden, eitlen Gedanken, die den Einflüsterungen des Teufels und dem Geschwätz schlechter Menschen ohne Schutz offen stehen, verderben das Wort Gottes; dann aber auch die Weichlinge, die Genusssüchtigen und die Liebhaber dieser Welt, die nicht bereit sind, um Christi und des Evangeliums willen Leiden zu erdulden; sie hören das Wort Gottes ohne Furcht, obschon es so aussieht, als ob sie es mit Freude hörten. Ebenso sind auch die Sorgen der Welt und der Trug des Reichtums ganz verderbliche Gebrechen der Hörer des Wortes Gottes. Denn sie verhindern nicht nur, dass der Same des Wortes Gottes in den Herzen Frucht trägt, sondern sie bringen auch die Menschen dazu, dem Wort Gottes zu widersprechen und die zu betrüben, die sich darum bemühen. Darum müssen wir äusserst wachsam und aufmerksam sein, dass wir durch diese Gebrechen nicht angesteckt und leere und undankbare Hörer des Wortes Gottes werden. Auch müssen wir den gütigen und gnädigen Gott immerzu bitten, er möge uns seinen Heiligen Geist verleihen, damit der Same des Wortes Gottes in unseren Herzen durch ihn lebendig gemacht werde und wir als gottesfürchtige, rechte Hörer Gottes reichliche Frucht bringen zur Ehre Gottes und zum ewigen Heil unserer Seelen.

Quelle: Heinrich Bollinger Schriften III, Predigt 2, TVZ.

 

Hörst du richtig? Serie für Predigthörer
Die meisten Gottesdienstbesucher haben sich schon Gedanken darüber gemacht, was eine gute Predigt ausmacht. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, ob du ein guter Hörer bist?
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