Evangelisch-reformierte Kirche Westminster Bekenntnisses in Winterthur

Saul, der erbetene König

Saul gehörte zum Stamm Benjamin. Sein Vater hiess Kisch (1Sam 9,1) und stammte aus Gibea. Der Name Saul wird vom hebräischen Verb erbeten abgeleitet und passt zum ersten König Israels, dessen Geschichte herausragend begann und in einer Tragödie endete.

Saul wird zum König erwählt

Das herausragende Königtum

Dreifach wird Saul in seinen Dienst eingesetzt und darin bestätigt.

  1. Gott erwählt sich einen König und lässt ihn heimlich von Samuel salben. Er rüstet Saul mit seinem Geist aus und veränderte nach den Worten des Propheten dessen Herz (1Sam 10,6.9-12).
  2. Saul wird im Losverfahren öffentlich zum König bestimmt (1Sam 10,20-25). Der Auserwählte drängt sich dem Volk nicht auf, sondern zeigt sich sehr zurückhaltend.
  3. Saul wird von ganz Israel als König anerkannt und öffentlich eingesetzt, nachdem er es von der Herrschaft der Ammoniter befreite (1Sam 11,15).

Das Königtum Israels war kein unbeabsichtigtes Versehen. Die Zeit war reif für die Herrschaft eines Königs. Nun erfüllte sich, was in den Schriften Moses angedeutet hatte (1Mo 49,10; 4Mo 24,7.17-19) und lange vor Saul durch ein spezielles Königsgesetz geordnet wurde (5Mo 17,14-20).

Der neue König wird als ausgesprochen schöner Mann beschrieben, der seine Landsleute um Haupteslänge überragte (1Sam 9,2; 10,23). Am Anfang seiner Regierungszeit liess sich Saul von Gottes Geist führen und übernahm bereitwillig die Pflicht, dem Volk im Krieg voranzugehen. Er zeigte sich grosszügig seinen Widersachern gegenüber (1Sam 11,12-13). Wichtiger als sein Ansehen war ihm, dass das Volk Gottes Heil erkennt und sich darüber freut.

Die Schattenseiten des Königtums

Bald nach dem Regierungsantritt wird eine andere Seite Sauls deutlich.

  • Er liess sich für die Heldentat seines Sohnes Jonathan feiern (1Sam 13,2-4).
  • Weil Samuel vor einer Schlacht nicht zur Stelle war, brachte der König die Brand- und Dankopfer selbst dar (1Sam 13,8-12). Bereits nach dieser eigenmächtigen Aktion prophezeite Samuel, dass sein Königtum nicht bestehen werde, weil Saul sich Gottes Geboten nicht von Herzen unterstellte (1Sam 13,13-14).
  • Ein voreiliger Fluch schwächt das ganze Volk und bringt seinen Sohn Jonathan in Lebensgefahr (1Sam 14,24-31.43-45).

Obwohl Saul grosse Siege feiern konnte und Israel aus der Hand seiner Feinde befreite, gelang es ihm seine ganze Regierungszeit nicht, die Philister zu unterwerfen. Sie waren das Werkzeug, durch das Gott dem eigensinnigen König seine Schwäche offenbarte.

Saul trat, genau wie Samuel es vorausgesagt hatte (1Sam 10,18-19), an Gottes Stelle. Er war nun der Retter, der Schutz des Volkes. Das wird zuerst an einem unscheinbaren Ausdruck deutlich. Bevor der König öffentlich in seinen Dienst eingesetzt wurde, wurde seine Heimatstadt «Gibea Gottes» genannt (1Sam 10,5); danach hiess es «Gibea Sauls» (1Sam 11,4; 15,34; Jes 10,29).

Saul wird als König verworfen

Die Verwerfung Sauls geschieht nach dem gleichen Muster, in dem seine Erwählung durchgeführt wurde. Zuerst blieb der Vorgang eine Angelegenheit zwischen dem König, Samuel und Gott. Danach wurde in Israel die Schwäche des Königs deutlich. Schliesslich wird offenbar, dass Gott sich von Saul abgewandt hat und er findet das Ende, das ihm vorausgesagt wurde.

Private Verwerfung

Die Schattenseiten des Königs gewannen Oberhand. Nachdem er sich beim Opferdienst über Gottes Gebot hinwegsetzte, missachtete er eine direkte Anweisung des Herrn (1Sam 15,1-3). Statt den Bann zu vollstrecken, liess Saul Agag den König der Amalekiter gefangennehmen und nahm das beste Vieh mit sich (1Sam 15,9). Von Samuel zur Rede gestellt, meinte der König, dass die Tiere als Opfergabe dienen sollen (1Sam 15,15). In seiner Antwort erkennt man seine Ferne zu Gott. Es war nicht sein eigener Gott, dem er ungehorsam war, sondern Samuels Gott.

Vom diesem Ungehorsam an reute es Gott, dass er Saul als König einsetzte (1Sam 15,11.35). Gott offenbart sich selbst als der, der sich ganz im Gegenteil zu Menschen nicht ändert und nichts bereut (1Sam 15,29; 4Mo 23,19; Mal 3,6; Jak 1,17). Wenn Gott von Reue spricht, will er die Menschen, die im Gericht (das Exil oder die Herrschaft der Sünde) leben, ermutigen, sich ihm zuzuwenden. Sie können nämlich nicht wissen, welche Pläne ihr Schöpfer verfolgt. So lange sie leben sollen sie sein Erbarmen suchen und darum flehen, dass sie vom gerechten Urteil erlöst werden.

Gott lässt Saul nicht im Unklaren, worin seine Schuld besteht. Ganz deutlich wird die Lehre entfaltet, dass Ungehorsam genauso Sünde ist wie Götzendienst und Zauberei (1Sam 15,23), die der König eifrig bekämpfte (1Sam 28,3). Menschen, die meinen, mit besonderen Opfern ihre Verfehlungen wiedergutmachen zu können, täuschen sich. Die Sünde, die sie gegen den heiligen, ewigen und gerechten Gott getan haben, können sie nicht ungeschehen machen. Stattdessen brauchen Sünder einen vollkommenen Gehorsam, an dem sich ihr Schöpfer freut (1Sam 15,22; Röm 5,19; Phil 2,8).

Gottes Urteil über Saul blieb vorerst zwischen Samuel und dem König. Der Prophet stellte sich sogar zum Verworfenen, damit er nicht vor seinen Untertanen beschämt wurde (1Sam 15,30). Genauso wird Gottes Urteil, das bereits über die Sünder gefällt wurde (Joh 3,18), nicht sofort vollstreckt. Wer aber in der Gottlosigkeit bleibt, wird ihre Früchte ernten, genau wie Saul.

Öffentliche Schwäche

Die private Verwerfung hatte Auswirkungen in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert ist, dass jeder Aspekt der Verwerfung erst in der Begegnung mit David Gestalt annimmt.

  • Statt von Gottes Geist ergriffen und ausgerüstet zu sein, wurde der König von einem bösen Geist geplagt (1Sam 16,14). Nur die Musik Davids schaffte dem Geplagten Erleichterung (1Sam 16,23).
  • Der junge David trat ans Sauls Stelle im Krieg gegen die Philister. Niemand aus dem Volk wagte es, gegen Goliatz zu kämpfen. David bezwang den überragenden Krieger und verhalf dem Volk zum Sieg über die Philister.
  • Der König hingegen konnte keine Siege mehr feiern. Ganz im Gegenteil jubelte das Volk jetzt einem anderen zu. David wurde heimlich zum König gesalbt. Wie schon bei Saul hatte diese Zuwendung Gottes öffentliche Auswirkungen.

Der Verworfene konnte nicht ertragen, dass er offensichtlich zurückgestellt wurde. Obwohl das Volk und auch David ihn weiterhin als König anerkannten und sich unter seine Herrschaft stellten, war er ständig in Unruhe. Obwohl allein David sein Gemüt beruhigen konnte, hielt er ihn für seinen Feind. Mit dieser Einstellung konnte Saul selbst offensichtliche Gunst nicht anerkennen. Überwunden von der Güte Davids, der ihn zweimal hätte töten können, musste der König bekennen, dass sein Untertan gerechter sei als er selbst (1Sam 24,17).

Gottloses Ende

Am Ende verlor der verworfene König mehr und mehr den Halt. Gott wandte sich von dem ab, der sich zuvor ihm abgewandt hatte. Darum fürchtete sich Saul jetzt vor dem Heer der Philister und suchte auf jede erdenkliche Weise einen Hinweis von Gott zu erhalten (1Sam 28,4-6). Der Herr antwortete dem Verworfenen nicht mehr.

In dieser Verzweiflung warf Saul alle Massstäbe über Bord, die er einst vehement verteidigte. Er liess sich von einer Totenbeschwörerin beraten, die er unter der Führung Samuels aus dem Land vertrieb (1Sam 28,7-25). Es ist erstaunlich, wie rasch der König zu diesem Schritt bereit war und mit welcher Entschlossenheit er ihn ging. Statt sich nach der Zeit zu sehnen, in der der Herr noch zu ihm sprach, packte er einfach die nächstmögliche Hilfe, die sich ihm bot.

Schliesslich erfüllte sich das Wort des Propheten, den Saul von den Toten heraufrufen liess. Die Philister, vor denen sich der König fürchtete, konnten tatsächlich nicht überwunden werden. Schwer verwundet stürzte er sich in sein eigenes Schwert, um nicht dem Spott seiner Feinde ausgesetzt zu sein, wenn es ihnen gelang, ihn gefangen zu nehmen.

Sauls gottloses Ende offenbart noch einmal sein Wesen. Er lebte und starb unter eigener Regie und war stets um sein Ansehen bemüht. Ein herausragender König wollte er sein, nicht bloss ein gewöhnlicher Herrscher, wie das Volk ihn sich wünschte. Getrieben von diesem Wunsch verlor er, was ihn wirklich gross gemacht hatte, die Hilfe des ewigen Gottes und wahren Königs von Israel.

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